Die Neue Regierung

Mit der Zunahme von Verwaltungsgeschäften ist in den Anfängen gewöhnlich die Verlagerung von Dienststellen verbunden. Diese arbeiten dann in gemieteten Privathäusern. Solche Vorgänge sind auch der Gumbinner Regierung nicht erspart geblieben. In diesem Rahmen sei hier nur vermerkt, dass vor allem die Forstabteilung in einem Gebäude in der Kirchenstraße „am Präsidial-Garten" untergebracht wurde und in der sog. Kleinen Regierung mehrere Jahrzehnte verblieb. Die Vermehrung der vorhandenen wie die Schaffung neuer Dienststellen (von etwa 1871—1900) bewirkte nun in den zur Verfügung stehenden Räumen eine in dienstlicher und gesundheitlicher Hinsicht nicht mehr zu verantwortende Enge.
 
 
  


Die Jahre 1896—1908 sind hinsichtlich des Regierungsgebäudes ausgefüllt mit Planungen und Verhandlungen mit der Stadt, dem Militärfiskus und privaten Eigentümern um den Baugrund, ferner mit Vorentwürfen und Entwürfen, um für sämtliche Abteilungen ausreichende Gebäude zu schaffen. In diese Projekte wetterleuchtet wiederum die Möglichkeit der Verlegung der Regierung nach Insterburg oder Tilsit hinein, da diese Städte ausreichende Bauplätze unentgeltlich zur Verfügung gestellt hatten. Außerdem steht die Frage der Teilung der Provinz in drei Regierungsbezirke an. Man erwägt einen Anbau an die Alte Regierung in Richtung Tilsiter Straße, ebenso Erweiterungen der Kleinen Regierung in der Kirchenstraße, will auch die Präsidialwohnung dorthin verlegen. Schließlich gelingt der Erwerb der Bauplätze von der Alten Regierung bis zur Kirchenstraße. Inzwischen schrieb man schon das neue Jahrhundert. Als wichtigster Grund für die Verzögerung ist wohl die Errichtung des neuen Regierungsbezirks Allenstein anzusehen, wenn auch Verlegungsprojekte nach Insterburg oder Tilsit noch diskutiert wurden. Die Bemühungen dieser beiden Städte gaben Anlass zu Pressefehden und erregten vor allem und mit Recht die Gemüter der Gumbinner Bürger. An Biertischen, in Vereinen, in Sitzungen der städtischen Körperschaften usw. wurde hin- und hergestritten, u. a. die Schuld einer etwaigen Verlegung einzelnen Grundstücksbesitzern zugeschoben, da sie unberechtigt hohe Forderungen gestellt hätten. Den Vertretern der ländlichen und städtischen Kreise bleiben auch in der öffentlichen Meinung Vorwürfe nicht erspart, nicht ihre Schuldigkeit getan zu haben.

Im Jahre 1905 wurde nun in Allenstein unter Leitung des dorthin versetzten Gumbinner Regierungspräsidenten Hegel die neue, dritte ostpreußische Regierung errichtet. Dabei wurden die masurischen Kreise Sensburg, Lötzen, Johannisburg und Lyck vom Gumbinner Verwaltungsbezirk abgezweigt und dieser auf zwölf landrätliche Kreise verringert. Der neue Regierungs-Präsident Dr. Stockmann erbat nun dringend die Entscheidung hinsichtlich des Regierungsortes wie des Erweiterungsbaues. Man arbeitete zu dieser Zeit in neun getrennten Gebäuden. Weiterhin konnte im Interesse der Stadt Gumbinnen und mit Rücksicht auf die Stimmung der Bürgerschaft die Entscheidung auch nicht noch länger hinausgeschoben werden.
 
Sie erfolgte am 13.07.1906: a) die Regierung verbleibt in Gumbinnen, und b) der Vorentwurf für den Erweiterungsbau sollte im Ministerium aufgestellt werden.

Widrige Umstände (Todesfälle von Sachbearbeitern usw.) hinderten wiederum. Erst am 10.04.1907 war der Vorentwurf durch den Geh. Baurat Saran fertiggestellt. Nach Erteilung des Bauauftrags wurde sofort im April 1908 mit dem Abbruch der auf dem Baugelände stehenden Häuser begonnen. Der erste Spatenstich zur Neuen Regierung erfolgte am 7. August 1908. Nach den Plänen des Geh. Baurates Saran im Ministerium der öffentlichen Arbeiten hatte die Oberleitung des Baues der Gumbinner Regierungsbaumeister Schiffer, die örtliche Bauleitung lag in den Händen der Regierungsbaumeister Escher, Müller und (ab 1909) Pattri. Die Oberaufsicht seitens der Regierung hatte Regierungs- und Baurat Jende. Bei der Bauausführung waren 63 Firmen beteiligt, davon 20 aus Gumbinnen.

Die Außenansichten der Alten Regierung sind seit der Erbauung im allgemeinen unverändert geblieben. Die Neue Regierung hat im Grundriss etwa die Form eines kleinen lateinischen b. Das neue Geschäftshaus enthält über einem Untergeschoss, dessen Fußboden an der Frontseite unterhalb der Straße, sonst überall ebenerdig liegt, drei Stockwerke und ein z. T. ausgebautes Dachgeschoss. An der Ecke gegenüber der alten Regierung ist das Gebäude turmartig erhöht und weist hier vier Geschosse auf. Der Haupteingang liegt zwischen dem östlichen Teil des Geschäftsgebäudes und dem Präsidialwohngebäude. Er konnte auch zur Einfahrt für Wagen benutzt werden. Das Wohnhaus des Regierungspräsidenten wies ebenfalls drei Stockwerke und das zur Hälfte ausgebaute Dachgeschoss auf. Hier verband eine schwere gewundene Eichenholztreppe die Dielen in den einzelnen Stockwerken. Am Wohnhaus befand sich auch ein Dienstgarten und ein kleiner, durch eine lebende Hecke abgetrennter Wirtschaftshof.

Hinsichtlich der architektonischen Ausgestaltung konnte der Stil der aus der Schinkel-Zeit stammenden Alten Regierung nicht auf die Neue Regierung übertragen werden, zumal trotz der Verbindungsbrücke zwischen den beiden Verwaltungsgebäuden eine 16,80 m breite Straße lag. Die schwere geschlossene Form der Alten Regierung mit ihrer horizontalen Gliederung forderte geradezu eine vertikale Gliederung für die Neue Regierung heraus. Daher wurden in Bezug auf die Außenarchitektur die Formen in modernem Barock gehalten und die SW-Ecke der Neuen Regierung turmartig erhöht. Dieser Teil überragt mit seinem mächtigen Zeltdach, das noch mit einem ganz mit Kupfer bekleideten Dachreiter gekrönt ist, die ganze Stadt. Es war mit ein neues Wahrzeichen der Gründung Friedrich Wilhelms I. Die Fassaden der Neuen Regierung erhielten durch die verschiedenen Baustoffe eine weitere Belebung. Über dem mit vielfarbigen Sprengsteinen verblendeten Sockel erhebt sich das Erdgeschoss in glattem Ziegelbau, das durch ein Gesims aus weißem Heuschener Sandstein abgeschlossen ist. Die beiden darüberliegenden Geschosse sind gekennzeichnet durch flach vorspringende, breite Ziegelpfeiler; die dazwischenliegenden Flächen sind an allen Straßenseiten mit silbergrauem Terrasit, an den Gartenseiten mit Rüdersdorfer Kalk verputzt. Die Wandteilungspfeiler, oben mit kartuschenartigen Kapitellen aus Sandstein, tragen das kräftig ausladende Hauptgesims. Bildhauerischen Schmuck haben nur die giebelgekrönten Risalite der Vorderfront, das Hauptportal (Sandstein) und der Erker am Präsidialhaus. In dem hohen Giebelfeld des Turms prangt der pre¬ßische Adler, darüber die Königskrone. Zwei lebensgroße weibliche Figuren, die Landwirtschaft und die Fischerei verkörpernd, rahmen die Embleme ein. Der Dachstuhl besteht durchweg aus Holz. Für die hohen Mansardendächer verwendete man rote Mönchs- und Nonnenziegel. Dachrinnen und Abfallrohre sind ebenfalls wie der Dachreiter aus Kupfer gefertigt.

Es kann kein Zweifel sein, dass das Gumbinner Regierungsgebäude, d. h. die Alte und die Neue Regierung, nicht nur in der Stadt selbst das wichtigste und bedeutendste Bauelement darstellt, sondern überhaupt im östlichen Ostpreußen als das repräsentativste Baudenkmal anzusehen ist. Die sowohl vom alten Konferenzhause wie von der Alten und Neuen Regierung ausgehenden Impulse aber haben ostpreußische Provinzialgeschichte mit gestaltet.