Die Stadtverwaltung in Gumbinnen von 19001945
von Fritz Broszukat (Quelle: Gumbinnen von Dr. Grenz)
 

In der verhältnismäßig kurzen Zeit von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg hat die Stadtverwaltung eine Fülle großer Aufgaben gelöst, die teils aus eigener Initiative geboren, teils auf Drängen des Staates zurückzuführen waren. Hierzu gehören neben der Erweiterung des Schlachthofes, der Gasanstalt und des Wasserwerkes im Jahre 1904 die Übernahme der städtischen Realschule gegen einen jährlichen Zuschuss der Stadt durch den Staat, der diese Schule gemeinsam mit dem Gymnasium in einem Neubau in der Meiserstraße unterbrachte.
 
Im Jahre 1905 schloss die Stadt ihr Krankenhaus, das räumlich nicht mehr aus­reichte und dem Altersheim Platz machte. Nach einer Vereinbarung zwischen Stadt und Kreis nahm dieser dafür eine Erweiterung des Kreiskrankenhauses vor, während die Stadt als Gegenleistung im Zug der Meelbeckstraße eine zweite Fahrbrücke (vor­her war dort eine Holzbrücke) erbaute. Eine fühlbare finanzielle Belastung übernahm die Stadt weiter durch den Bau der Kanalisation in den Jahren 1908/11 sowie die Errichtung des Elektrizitätswerkes. Die kommunale Arbeit der Vorkriegszeit schließt ab mit dem Landankauf für die beiden Nebenbahnen nach Wehrkirchen (Szittkehmen) (Kr. Goldap) und Angerburg.
 
Die kommunalpolitische Entwicklung der Stadt fand durch den am 1. August 1914 ausgebrochenen Ersten Weltkrieg einstweilen ein Ende. Gumbinnen war zu­nächst Kriegsgebiet, dann Etappengebiet, ehe es auch aus diesem nach der Winter­schlacht in Masuren im Februar 1915 ausschied.
 
Als kurz darauf der Räumungsbefehl aufgehoben worden war, kehrten die evakuierten Einwohner wieder zurück. Nun galt es für die Stadtverwaltung zunächst, gemeinsam mit den hierfür errichteten staatlichen Dienststellen den Wiederaufbau der kriegszerstörten Gebäude zu för­dern. Einige zerstörte Gebäude baute die Stadt nach Erwerb der Grundstücke und Übernahme des Kriegsschadens für eigene Rechnung auf. In der Folgezeit war die Arbeit der Stadtverwaltung in erster Linie von der Kriegswirtschaft in Anspruch ge­nommen, die äußerst mühevoll und erschwert war. Hierzu gehörten die Beschaffung von Lebensmitteln und ihr Verkauf an die Bürgerschaft durch ein städtisches Lebens­mittelgeschäft, Einrichtung einer städtischen Schlachterei und Wurstfabrik, Versor­gung der Bevölkerung mit weiteren Bedarfsgütern, insbesondere auch mit Brenn­holz und Torf, Einrichtung einer städtischen Kriegsküche, die z. B. im Jahre 1918 insgesamt 60.191 Portionen ausgab. Um den Eigentümern der kriegszerstörten Ge­bäude einen größeren Wiederaufbau zu ermöglichen, übernahm die Stadtgemeinde ferner selbstschuldnerische Bürgschaft von hypothekarisch gesichertem Wechselkredit von der Kriegskreditbank.
 
Der kommunalpolitische Plan, die Rominte (damals noch Pissa) über den Oberpregel hinaus schiffbar zu machen, wurde durch den Ausgang des Krieges hinfällig. Weitere große Pläne der Stadt während der Kriegszeit waren dagegen von Erfolg gekrönt: Durchführung des Umlegungsverfahrens für den von der Wilhelmstraße, Lazarettstraße, Moltkestraße und Kirchenstraße umschlossenen Teil des Stadtbezirks, Ankauf des Eckertschen Stadtgutes mit dem Rest des Fichtenwäldchens, Errichtung einer städtischen Sparkasse und am 1. April 1918 die Eingemeindung der Land­gemeinde Norutschatschen, die etwa 4.000 Einwohner zählte. Mit diesem Projekt kam eine für die städtische Entwicklung überaus wichtige Angelegenheit zum Abschluss, die bereits seit 1904 schwebte.
 
Die darauf folgende Periode brachte für die Stadt Unerfreulichkeiten und Schwierigkeiten besonderer Art, denn die Kontrolle der Stadtverwaltung durch den Arbeiter- und Soldatenrat hemmte die parlamentarische Arbeit bis nach den Neu­wahlen der Vertretungskörperschaften auf demokratischer Grundlage. Das Zurück­fluten der Truppen und der Verlust der größten Teile der Provinzen Westpreußen und Posen lösten eine starke Wohnungsnot aus, der man durch Errichtung eines städtischen Wohnungsamtes zu steuern versuchte. Übergroße Wohnungen wurden zu dem gleichen Zwecke mit städtischen Beihilfen geteilt. Ganz besonders entfaltete die von der Stadt gegründete Gemeinnützige Baugesellschaft m. b. H. eine rege Bau­tätigkeit, die sie auch während der Inflation fortsetzte. Es entstanden zunächst die Häuserblocks in der Königstraße, Bismarckstraße, Moltkestraße und Luisenstraße sowie die Wohnungen in der Freiheit. Später erwarb die Gemeinnützige Bauge­sellschaft einige Häuserblocks der ehemaligen Ulanenkaserne und errichtete auf dem Kasernengelände sowie in der Mackensenstraße weitere Wohnhäuser. Um den Klein­wohnungsbau zu fördern, sind im Siedlungsabschnitt Preußendorf eine ganze Anzahl sogenannter Volkswohnungen gebaut worden. Die Einrichtung der Gemeinnützigen Baugesellschaft erwies sich als recht segensreich, zumal die Wohnungen durchweg zu tragbaren Mietpreisen abgegeben werden konnten. Durch weitsichtigen Bau­landerwerb, umsichtige Planungen und Vermeidung jeder Spekulation entwickelte sich die „Gemeinnützige" im Laufe der Zeit zu einem beachtlichen, gesunden Woh­nungsunternehmen, das in der Stadt unerreicht dastand. Zuletzt bewirtschaftete sie 832 Wohnungen, 3 Läden und l Gastwirtschaft mit Ausspannung.
 
Die Inflation der Jahre 1921—1923 stellte an die Stadtverwaltung außerordent­liche Anforderungen, warf ihr allerdings durch den Schwund der städtischen Schul­denlast auch ungeahnte Gewinne in den Schoß, die für spätere Bauten nutzbar ge­macht werden konnten. In sozialer Hinsicht sind besonders die Schulspeisung bedürfti­ger Kinder und die Ferienkolonie in Fichtenwalde zu nennen, die jährlich acht Wo­chen hindurch einer großen Anzahl unterernährter Kinder Erholung und Gesundung brachte. Trotz der Ungunst der folgenden Zeit, trotz vorhandener Widerstände und mancher Schwierigkeiten bewiesen der Bau städtischer Anschlussgleise für die Gumbinner Industrie und stadteigener Lagerplätze, die Erweiterung des Fichtenwaldes, der bis an die Stadt herangeführt wurde, die Aufforstung einer größeren Fläche am Tilsiter Tor, der Bau der Jahn-Turnhalle, die Schaffung des Sportplatzes, der Bau der Badeanstalt Blumenau und die Vereinigung der Städtischen und der Kreisspar­kasse, dass ein frischer Unternehmungsgeist herrschte, der sich durch nichts unter­drücken ließ und sich auch vor Rückschlägen nicht beugte. An solchen Schlägen hat es in diesem Zeitabschnitt nicht gefehlt.
 
Eine Reihe von Behörden und Einrichtungen wurde trotz heftigster Gegenwehr der Stadt von Gumbinnen fortverlegt: Die Heb­ammenlehranstalt, die Schutzpolizei, das Hauptzollamt, das Versorgungsamt und das Eisenbahnbetriebsamt. Allerdings war es noch im letzten Augenblick möglich, die bereits gestrichene Garnison für Gumbinnen zu retten und das Telegrafenbauamt, das Überlandwerk sowie das Kraftwerk, das den nördlichen Teil der Provinz mit Strom versorgte, nach langwierigen Bemühungen herzuziehen. Der Kampf um die Technische Staatslehranstalt für Maschinenwesen endete mit dem Siege der Stadt­verwaltung gegenüber einer Anzahl anderer Bewerber. Auch der Neubau der Cecilienschule, die Einrichtung des Oberlyzeums und die mit der Verstaatlichung dieser Anstalt verbundene Entlastung des Stadtsäckels bedeuteten für die Stadt Erfolge, die seit vielen Jahren erstrebt und ersehnt wurden. Kein Erfolg fiel der Stadt ohne Anstrengungen zu, jede dieser Einrichtungen musste mühevoll erarbeitet und erstrit­ten werden. Aber nicht nur um neue Einrichtungen, sondern auch um die Erhaltung einiger sehr wichtiger Gumbinner Behörden musste gerungen werden. Wiederholt war z. B. die Regierung in Gefahr; zuerst, als der Neubau erforderlich wurde und sich andere Städte mit verlockenden Bauplänen um den Regierungssitz bewarben, später, als die Gumbinner Regierung durch eine Verwaltungsreform bedroht war und der Regierungsbezirk aufgeteilt werden sollte. Hoffnungslos schien der Kampf um die Oberpostdirektion. Nachdem ihre Auflösung 1925 ständig angedroht und nur von Jahr zu Jahr zurückgestellt wurde, war der Abbau 1932 beschlossene Sache. Er war amtlich veröffentlicht, und die erforderlichen Unterschriften waren bereits geleistet. Trotzdem gelang es, den schon verfügten Abbau rückgängig zu machen. 
 
Gumbinnen war inzwischen von einer Kleinstadt zu einer ansehnlichen Mittel­stadt angewachsen. Es war eine Stadt, die nach Aussehen, Handel und Wandel, mit allen modernen Einrichtungen versehen, sich selbst vor weit größeren Städten west­lich der Weichsel nicht zu verstecken brauchte. Auf die Pflege und Erweiterung der Grünanlagen ist stets besonderes Augenmerk gerichtet worden. Die Dammanlagen mit Springbrunnen, Kriegerdenkmälern und Elchstandbild luden die Bürger zum Lustwandeln ein. Besondere Vergnügen waren im Sommer die Bootsfahrten auf dem Fluss und im Winter der außerordentlich rege Betrieb auf den Eisbahnen inmitten der Stadt.