Als nach 1933 die Arbeitslosigkeit beseitigt werden konnte, folgte den verschie­denen regierungsseitigen Maßnahmen eine allgemeine wirtschaftliche Aufwärtsent­wicklung, die sich wieder durch ein erhöhtes Steueraufkommen auf die städtischen Finanzen auswirkte. Dadurch war es möglich, verschiedene Straßen auszubauen, ins­besondere aber das Baugelände hinter dem Sportplatz und im Siedlungsgebiet Anna­hof, später ebenso den Stadtteil Preußendorf zu erschließen. In den beiden letzten Wohngebieten fanden 2.296 Einwohner gesunde Wohnstätten. Im Jahre 1934 erwarb die Stadt das Grundstück „Waisenhaus Daheim" und verpachtete es für andere Zwecke.
 
Als die Stadtverwaltung zwangsläufig weitere Aufgaben übertragen erhalten hatte, erwies sich das aus dem Jahre 1898 stammende Rathaus als zu klein, zumal dessen Erweiterung bereits 1914 vorbereitet war. Verschiedene Dienststellen, wie Stadtbauamt, Wohlfahrtsamt, Standesamt und Stadtsteueramt waren seit Jahren verstreut in der Stadt untergebracht. Nichts lag deshalb näher, als den Bau eines neuen Rathauses anzustreben. Die Verlegung der Handwerkskammer und der mit ihr verbundenen Gewerbeförderungsanstalt nach Königsberg im Jahre 1935 waren für die Stadt zwar ein großer Verlust, doch bot sich nun die günstige Gelegenheit, deren Gebäude zu erwerben und nach erfolgtem Um- und Durchbau als Rathaus zu verwenden. So entstand 1936 mit einem verhältnismäßig geringen Kostenaufwand in den Gebäuden Gartenstraße 2/4 ein neues Rathaus, das rein äußerlich zwar nur den Eindruck eines Bürohauses bot, dafür aber die gesamte Stadtverwaltung in hellen lichten Räumen zusammenfasste. Breite Flure und bequeme Treppenaufgänge führten zu den zweckmäßig untergebrachten Dienststellen. Der Geschäftsverkehr konnte sich nunmehr reibungslos abwickeln. Das Polizeigewahrsam und das Feuerwehrdepot verblieben allerdings auf dem alten Rathausgrundstück Königstraße 7. Um dem vor dem neuen Rathaus liegenden Magazinplatz einen würdigen Rahmen zu geben, wur­den der Vieh-, Pferde- und Jahrmarkt auf einen eigens hierfür eingerichteten Platz vor Annahof verlegt.
 
Vor dem Rathaus entstand eine schmucke Grünanlage mit bequemer An- und Abfahrtsstraße. Dadurch gewannen sowohl der Platz als auch das von der Stadt mit Bäumen umpflanzte Magazingebäude ungemein.
 
Nach eingehenden strukturellen Untersuchungen teilte eine großzügig angelegte Stadtplanung den einzelnen Lebensbezirken den standortmäßig günstigsten Platz für Wohnen, Gewerbe und Industrie innerhalb der städtischen Entwicklung und Boden­nutzung zu.
 
Als künftiges Industriegelände war das zwischen Annahof und der verlängerten Kasernenstraße gelegene Luzeller Land vorgesehen. Mit der Zeit sollten die größeren Betriebe aus der Stadt dorthin verlagert werden, vor allem auch die Gasanstalt, die an dem bisherigen Standort aus mancherlei Gründen unmöglich verbleiben konnte. Nach und nach erwarb die Stadt die dortigen Parzellen käuflich oder im Tausch­wege, um einem baulichen Durcheinander von vornherein entgegenwirken zu können.
 
Aus der Geschichte unserer Heimatstadt Gumbinnen sind für den hier behandelten Zeitraum Wirken und Schaffen unseres Stadtoberhauptes Willy Schön nicht wegzu­denken. Am 20. April 1879 in Schneidemühl geboren, trat er nach beendetem Studium im Jahre 1911 als juristischer Hilfsarbeiter beim Magistrat Gumbinnen ein; ein Jahr später wurde er bereits Bürgermeister. Seine vorbildliche Tätigkeit zum Wohle der Stadt ist schon 1916 gekrönt worden durch die Wahl zum Ersten Bürgermeister, die nach Beendigung der ersten Wahlperiode 1928 die Vertretungskörperschaft einstim­mig wiederholte. Damit kam seine Wertschätzung zum Ausdruck, der er sich in allen Bevölkerungskreisen erfreute. Stets aufgeschlossen für die Belange der Einwohner­schaft, blieb er fortgesetzt bemüht, die Entwicklung der Stadt in jeder Weise zu för­dern. Die Eingemeindung des etwa 4000 Einwohner zählenden Vorortes Norutschatschen ist sein Werk, desgleichen der Erwerb des Eckertschen Stadtgutes mit dem Rest des Fichtenwäldchens. Nach langwierigen Bemühungen gelang es ferner unserem Gemeindeleiter, das Telegrafenbauamt, das Überlandwerk sowie das Kraftwerk, das den nördlichen Teil der Provinz Ostpreußen mit Strom versorgte, in unseren Stadt­bereich zu ziehen. Hervorgehoben zu werden verdienen weiter die Erfolge auf dem Gebiete des Schulwesens, insbesondere die Einrichtung der Technischen Staatslehran­stalt für Maschinenwesen in Gumbinnen, der Neubau der Cecilienschule sowie die Einrichtung des Oberlyceums. Aber auch um die Erhaltung einiger sehr wichtiger Gumbinner Behörden musste von ihm gerungen werden, nämlich der Regierung und der Oberpostdirektion, für die an höchster Stelle andere Pläne bestanden. Als ein be­sonderer Verfechter der Selbstverwaltungsgedanken des Freiherrn vom Stein galt sein Bemühen dem Ziel, die kommunale Selbstverwaltung zu stärken. Da seine Be­strebungen nicht nur in Fachkreisen, sondern auch darüber hinaus Beachtung fanden, hatte er Vorstandsämter sowohl im Ostpreußischen Städtetag als auch im Reichs­städtebund inne.
 
Als Erster Bürgermeister Schön 1937 in den Ruhestand treten musste, erlahmte seine Schaffensfreudigkeit keineswegs. In kommunalen Organisationen wirkte er an seinem neuen Wohnsitz Berlin weiter, besonders nach 1945, auch dann, als er bereits das biblische Alter erreicht hatte. Von schweren Schicksalsschlägen blieb Schön nicht verschont. Jeder Gumbinner empfand mit ihm, als seine Lebensgefährtin sowie die älteste Tochter Opfer eines Fliegerangriffes wurden und ein Sohn fiel. Gleichwohl nahm er an dem Ergehen seiner Landsleute nach der zwangsweisen Räumung der Heimat regsten Anteil und half jedem, so weit es in seinen Kräften stand. Am 19. November 1955 ging er als einer der Treuesten von uns.
 
In die Zeit der kommunalpolitischen Aufwärtsentwicklung der Stadt Gumbinnen fiel der Beginn des Zweiten Weltkrieges, der die Stadtverwaltung wieder vor neue Aufgaben stellte, die aber auf Grund der im Ersten Weltkriege gesammelten Erfah­rungen planmäßiger in Angriff genommen werden konnten. Als Auftragsangelegen­heit waren zunächst das Wirtschafts- und das Ernährungsamt einzurichten, um die diesmal sofort einsetzende Zwangswirtschaft durchführen zu können. Zur Bewältigung dieser Aufgaben und als Ersatz für die Einberufenen mussten viele Hilfskräfte ein­gestellt werden. Als mit der Dauer des Krieges sich ein Mangel an allen Bedarfs­gütern bemerkbar machte, richtete die Stadt in einem leer stehenden Laden eine Tauschzentrale ein, die sich als recht nützlich erwies. Einem besonderen Bedürfnis entsprachen aber die ebenfalls von der Stadt ins Leben gerufenen und von ihr betrie­benen Werkstätten „Aus Alt wird Neu". Eine Anzahl von Fachkräften hat hier Wäsche- und Bekleidungsstücke wunschgemäß umgearbeitet. So konnte der Mangel an Handwerkern im Bekleidungsgewerbe überbrückt werden. Diese Einrichtung fand allgemeinen Anklang und ist viel in Anspruch genommen worden. Auch der Torf­fabrikation nahm sich die Stadt im größeren Umfange an.
 
Kriegsbedingte Einflüsse behinderten die Planungsarbeiten erheblich, doch war es trotzdem möglich, ein auf die Erweiterung des Stadtgebietes zielendes Vorhaben zu verwirklichen. So konnte noch im Frühjahr 1944 das 400 Morgen große Restgut Preußendorf erworben werden, das in eigener Regie fortgeführt wurde. Als ein be­sonderer Gewinn war dabei der zu diesem Anwesen gehörende 90 Morgen große Rudinner Wald zu buchen, der nach dem Kriege durch Neuanpflanzungen mit dem Wald am Tilsiter Tor verbunden werden sollte, da beide nahe beieinander lagen. Ein gemischter Wald von ansehnlicher Größe war hier im Entstehen.
 
Nicht zuletzt sei auch die Fortführung der Arbeiten zum Bau der neuen Bade­anstalt hinter dem alten Friedhof erwähnt, die mit ihren verschiedenen Teilen, wie den damals bereits benutzbar gewesenen Schwimm- und Planschbecken, den Dusch-und Springanlagen, den Liegewiesen und den vorgesehenen Gartenanlagen sowie einer Gaststätte, ein besonderes Schmuckstück geworden wäre. 
 
Eine schwierige Aufgabe war für die Stadtverwaltung die kurzfristige Unterbringung von etwa 10.000 evakuierten Berlinern im Sommer 1943, weil damals schon ein fühlbarer Wohnungsmangel bestand.

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