Friedrichsschule (Staatl. Oberschule für Jungen) - siehe auch -

Die Friedrichsschule ist aus der ersten Schule Gumbinnens hervorgegangen, die in den Jahren von 1570 bis 1580 mit der Altstädtisch-lutherischen Kirche zusammen erbaut wurde. Sie lag nahe der Kirche, dicht neben dem Pfarrhause.

Das im Jahre 1729 neu errichtete und 1731 erweiterte Schulgebäude enthielt zugleich die Kantor- und Rektorwohnung. Die Leistungen der Schule gingen nicht über die einer Elementarschule hinaus, wenn auch in der Rektorklasse etwas Latein getrieben wurde. Die Schule ist offenbar damals schon eine längere Zeit zweiklassig gewesen, wie Kämmereirechnungen vom Jahre 1725 beweisen, worin von „denen Schulkollegien" die Rede ist. Kantor und Rektor waren zugleich Beamte der Kirche. Das Rektoramt versah seit 1740 der Prediger der Salzburger Kirche. Erst 1769 wurde das Rektorat der Schule von der Salzburger Predigerstelle, die mit dem Diakonat verbunden war, abgezweigt. Unter diesem Doppelamt hatte die Schule zu leiden; Abhilfe war bei der kärglichen Besoldung der Lehrer nicht zu erwarten. Obgleich die Schule durch den tüchtigen Rektor Pastenaci um 1750 einen Aufschwung nahm und um 1760 sogar 420 Schüler zählte, blieben die Missstände; hinzu kam Raummangel.

Es ist das Verdienst des Präsidenten der Kriegs- und Domänenkammer in Gumbinnen, Johann Friedrich von Domhardt, für Abhilfe gesorgt zu haben; von Domhardt nahm 1760 die Verbesserung des städtischen Schulwesens in seine Hand und erließ am 17. November 1760 folgendes Schreiben an den Magistrat zu Gumbinnen: Stiftungsurkunde Präsentiert den 17. November 1760 Dem Magistrat wird es bekannt seyn, weldiergestalt des Herrn Gouverneurs v. Korff Exelenz bey dero Anwesenheit alhier in Gumbinnen auf die denenselben von mir, dem x. Domhardt, gethanen Vorstellung Sich nicht abgeneigt finden lassen, zur Verbesserung der hiesigen Schul-Anstalten, und hauptsächlich zur Erbauung der nötigen Schul-Gebäude, eine gewisse Summe zu bewilligen. Nun werden wir zwar zur Erhaltung derselben Unsererseits alles zu thun nicht ermangeln, auch sonsten zu dieser heilsahmen Sache gern alles mögliche beytragen, nur wird es anjetzo hauptsächlich auf gute und grundliche Vorschläge ankommen, wie die Verbesserung des hiesigen Schulwesens, sonderlich ratione der Lehrer, als auch der für sie anzuweisenden Fonds, zu ihrem Unterhalt vorzunehmen seyn werde. Magistratus hat dahero hierauf bedacht zu seyn, und sich darüber mit dem hiesigen Herrn Probst zusammen zu thun, die vermeintliche Vorschläge zu entwerfen, und Uns solche mittelst eines gemeinschaftlichen Berichts zu übergeben, da wir sodann das weitere in dieser Sache zu beschließen nicht ermangeln werden. An den Herrn Probst hierselbst ist bereits das nöthige dieserhalb verfüget worden. (Siegel) Gumbinnen, den 14. November 1760. Lith. Krieges- und Dom. Kammer Domhardt. Noelten. Stolterfodt. Laukus.

Dieses Schreiben ist als die Stiftungsurkunde der Friedrichsschule anzusehen. Sie wurde 1763 zur Lateinschule umgestaltet und erhielt ein neues Schulgebäude; später als Geschäftshaus in der Königstraße dem Kaufmann Czibulinski gehörig. Dieses Gebäude wurde am 24. Mai 1764 im Beisein des Kammerkollegiums und des Magistrats in einer von Propst Mühlenkampf veranstalteten Feier dem Lehrerkollegium übergeben.
 
Die neue Schule aber, gegründet zu der Zeit, als Friedrichs II. Ruhm auf dem Höhepunkt stand, nahm in Übereinstimmung mit der Inschrift F. R. auf dem Frontispiz den Namen Friedrichsschule, schola Friedericiana oder Friedericianum an, obschon sie nicht bloß allgemein, sondern auch in offiziellen Aktenstücken meist anders genannt wurde: die hiesige große Schule, die hiesige lateinische Schule, die hiesige Gelehrtenschule, die hiesige große lateinische Schule, die hiesige Gelehrten- und Bürgerschule.

Bau und Einrichtungen der Schule fanden sogleich in der Gelehrtenwelt Anerkennung: „Das sehr ansehnliche Schulgebäude gibt der ganzen Stadt eine Zierde und übertrifft an Schönheit und Bequemlichkeit alle übrigen in den kleinen Städten des Königreichs Preußen." So hieß es in den „Thornschen Nachrichten" von gelehrten Sachen vom Jahre 1765.

Die Schule besaß vier Klassen: Quarta, Tertia, Sekunda, Prima. Jede Klasse umfasste zwei Jahrgänge, die Prima drei, so dass die Anstalt in neun Jahren durchlaufen wurde. Die Prima war die Klasse des Rektors, die Sekunda die des Konrektors, die Tertia hatte einen Subrektor, die Quarta einen Kantor.

1809 wurde die Lateinschule in eine königliche Provinzialschule und am 3. August 1813 in ein Gymnasium umgewandelt.
 
Durch die Zunahme der Schülerzahl und die notwendig gewordene Trennung und Vermehrung der Klassen erwies sich die Schule als zu klein. Die Chronik der Schule berichtet von dauernden Umbauten, Erweiterungsbauten und Vorschlägen für einen Neubau. Aber erst ein Vorschlag des Direktors Dr. Jänicke vom 15. Oktober 1895 fand ernstere Beachtung. Ein Neubau wurde in Aussicht genommen. Es bot sich die Gelegenheit, das alte Gymnasium und das dazugehörige Grundstück zu verkaufen. Der Magistrat stellte einen Bauplatz kostenlos zur Verfügung unter der Bedingung, dass der Staat die bis dahin in der Kirchenstraße untergebrachte städtische Realschule übernehme und mit dem Gymnasium vereinige. Der im Frühjahr 1901 begonnene Bau der neuen Friedrichsschule wurde 1903 fertiggestellt. Die gesamten Kosten beliefen sich auf 323.000 Mark. Die Übersiedlung aus dem alten in das neue Haus konnte am 25. Juni 1903 stattfinden; die Einweihung erfolgte am 3. Juli desselben Jahres. Die Realschule zog am 1. April 1904 ein.

Das alte Schulgebäude ging für den Preis von 100.000 Mark in den Besitz des Kaufmanns Czibulinski über.

Im Jahre 1909 erreichte die Anstalt mit 594 Schülern, davon 103 Vorschülern, zahlenmäßig ihren höchsten Stand.

Einen außergewöhnlichen Schmuck erhielt die Aula der Friedrichsschule in den Jahren 1912/13 durch das bekannte Gemälde (Fresko) von Prof. Otto Heichert, der damals den Auftrag bekam, die Beziehungen Friedrich Wilhelms I. zu den Salzburgern darzustellen. Das Gemälde (Fresko) wurde berühmt, es war fünfzehn Meter lang und acht Meter hoch.

Vom Jahre 1924 an ist die Realschule zur Oberrealschule ausgebaut worden. Die Entwicklungsphase war 1927 beendet; denn in diesem Jahr konnten die ersten Oberrealschul-Abiturienten entlassen werden. In der Zeit von 1927 bis 1932 haben auch Mädchen die Oberrealschule besucht.

In diesen Jahren war Oberstudiendirektor Dr. Czwalina Leiter der Friedrichsschule, die durch diesen hervorragenden Schulfachmann eine erfolgreiche Aufwärtsentwicklung verzeichnen konnte. Sein langjähriges Wirken wird von seinen früheren Schülern dankbar gewürdigt.

In den Jahren 1938/39 musste die Friedrichsschule durch einen Anbau vergrößert werden. Im Rahmen eines Elternabends weihte Oberstudiendirektor Fink diesen Neubau ein und gedachte des 175-jährigen Bestehens der Schule als Lateinschule und des 100-jährigen Bestehens als Gymnasium. Generationen von Schülern sind durch sie zu tüchtigen Männern herangebildet worden, die als Gelehrte, Ärzte, Offiziere und Beamte Ostpreußen und Deutschland große Dienste geleistet haben. Unter ihnen nur einige der bekanntesten Persönlichkeiten: Ferdinand Gregorovius, der berühmte Verfasser der Geschichte Roms im Mittelalter, Schaudinn, der Entdecker der Spirochaeta, Reichsbahnrat Eugen Radtke, der als Leutnant d. R. des Infanterie-Regiments 24 das Fort Douaumont erstürmte und für diese Heldentat den Orden Pour le mérite erhielt. Der Dichter des Liedes „Ich bin ein Preuße", Bernhard Thiersch, hat an der Friedrichsschule als Lehrer gewirkt.

Eine besondere Lehranstalt, wenn auch sie später in der Friedrichsschule aufging, war die Städtische Realschule zu Gumbinnen, die von 1865—1904 bestanden hat. Schon 1860 hatten die städtischen Behörden das Bedürfnis anerkannt, neben dem Gymnasium, das für die gelehrte Bildung zur Verfügung stand, auch „der praktischen höheren Bildung für Anforderungen des bürgerlichen und gewerblichen Lebens eine geeignete Pflanzstätte zu gründen". Ostern 1865 war die Schule durchorganisiert. 1868 erfolgte die Anerkennung als höhere Bürgerschule durch die Regierung. Von 1883—1893 wurde sie vollberechtigtes, städtisches Realprogymnasium. Am 01.04.1893 begann die Umwandlung in eine Realschule — also in eine lateinlose Schule . . . Ostern 1899 war die Umwandlung durchgeführt. Die Schülerzahl stieg von 190 im Jahre 1865 bis auf 300 und hat sich in etwa dieser Höhe bis 1904 gehalten. Der Anteil der auswärtigen Schüler betrug oft bis zu 50 Prozent. Die auswärtigen Schüler kamen dabei nicht nur aus dem Landkreise Gumbinnen, sondern aus allen Nachbarkreisen. Selbst aus dem angrenzenden Russland (Petersburg, Bialystock) kamen sie. Die Russifizierungsbestrebungen in den russischen Ostseeprovinzen veranlassten viele Eltern, ihre Kinder auf ostpreußische Schulen zu schicken. Selbst ein Betriebsführer aus dem Kaukasus hatte 3 Söhne auf der Schule. Das beweist, dass die Realschule während ihres fast 40jährigen Bestehens einem gesteigerten Bedürfnis entsprach, bis über die Landesgrenze bekannt war und sich auch in der Stadt allgemeiner Beliebtheit erfreute. Sie war schulmäßig ein wesentlicher Faktor in Gumbinnen (Mitteilungen von Hans Bolgihn vom 15. 6. 1971).

Der vorliegende Abschnitt über die Friedrichsschule ist absichtlich erneut in der kurzen Form Gebauers gebracht worden, da ein eigenständiges Werk von Dr. Kirrinnis vorliegt (Herbert Kirrinnis, Geschichte der Friedrichsschule zu Gumbinnen. Würzburg 1963. Holzner-Verlag).

 


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