Die Brücke von Nemmersdorf
 
Nemmersdorf liegt an der Angerapp und zwar größtenteils am westlichen Ufer, während östlich und unfern des Ufers nur das Anwesen von Hans Spieshöfer und das Vorwerk Moskau liegen. Eine Brücke überquert den Fluß und verbindet die beiden kleinen Außenpositionen mit dem Dorf. Es handelte sich um eine massive Brücke, über die schon im Verwaltungsbericht des Kreises Gumbinnen für das Rechnungsjahr 1899/1900 Angaben gemacht werden, und zwar heißt es: „Der Neubau der Angerapp-Brücke in Nemmersdorf wird im Sommer 1900 in Angriff genommen und im Herbst 1901 beendet werden." „Die vorläufige Kostenanschlagssumme beträgt ca. 55 000 Mark. Die Kosten werden aus dem Wegebaufonds gedeckt." Im Verwaltungs-Bericht für 1900/1901 heißt es weiter: „Der Neubau der Angerapp-Brücke in Nemmersdorf wird voraussichtlich im Herbst 1901 fertiggestellt werden." Die Kosten-Anschlagssumme beträgt jetzt 60 000 Mark. Daß die Bauarbeiten planmäßig verlaufen sind, entnehmen wir dem Bericht von 1901/02: „Die neue aus Zementstampfbeton erbaute Angerapp-Brücke in Nemmersdorf ist im Herbst 1901 fertig gestellt. Die bis zum 6. Februar 1902 verausgabten Baukosten betragen 56 632,17 Mark." —
 
Über die weitere Geschichte der Brücke gibt ein Zeitungsausschnitt aus der Zeit vor 1945 im Archiv der Kreisgemeinschaft Gumbinnen Auskunft mit der Überschrift:
 
„Wie die Nemmersdorfer Brücke in die Luft flog."
 
Es heißt darin: „Die Schlacht bei Gumbinnen tobt. 21. August 1914! Riesige Flüchtlingszüge ziehen westwärts, um hinter der Angerapp Halt zu machen, weil jeder annimmt, daß der Feind bis hierher nicht folgt. Diese Annahme wurde jedoch getäuscht. Die "russische Dampfwalze" rückt näher und erreicht die Angerapplinie Nemmersdorf. Die Deutsche Heeresleitung erteilt den Befehl, alle Angerappbrücken zu sprengen, um den Russenvormarsch aufzuhalten. Auch die Nemmersdorfer Brücke sollte dieses Schicksal teilen. Leutnant Warnecke vom Pionier-Batl. 17 hatte den Auftrag, diese Brücke — massiv, aus Beton — zu sprengen. Mit einem Unteroffizier und vier Mann befestigte er rund 400 Sprengkörper vermittelst einer Bohle auf der Brücke. Der 22. August 1914 rückte heran. Auf dem feindwärtigen Ufer befanden sich noch die 4. Jäger zu Pferde zur Sicherung. Nachdem dieses Regiment 20 Minuten vor 5 Uhr morgens ebenfalls die Brücke überschritten hatte, drehte Leutnant Warnecke den Schlüssel des Glühzündapparates herum, und im Angesicht der ersten Kosaken flog die stolze Nemmersdorfer massive Brücke mit ohrenbetäubendem Getöse in die Luft. Gleichzeitig wurden von dem kühnen Sprengtrupp noch fünf in der Nähe liegende Scheunen in Brand gesteckt, um dem Gegner kein Material zum behelfsmäßigen Brückenbau in die Hand zu liefern." —
 
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Brücke wieder massiv aufgebaut. Damit begann ein neuer Abschnitt ihrer Geschichte, der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges einen erneuten Höhepunkt erfuhr.
 
In „Das Ostpreußenblatt" vom 21.9.1963 (Nr. 38) berichtet der ehemalige Organisation-Todt-Obermeister' Ernst Jendreyzik aus Winsen/Luhe, Hoopter Straße 26, unter dem Titel „An der Brücke bei Nemmersdorf":

„Nachdem sowjetische Panzer über Nemmersdorf hinaus im Oktober 1944 durchgebrochen waren, bei welcher Gelegenheit auch die hohe Brücke über die Angerapp schwer beschädigt worden war, wurde ich mit meiner Einheit dorthin beordert, um eine Notbrücke herzustellen und die beschädigte Brücke wieder in Ordnung zu bringen. Wir hatten dort festgestellt, daß die Eindringlinge 13 Menschen ermordet hatten, darunter ein kleines Kind von 2 Jahren. Diese 13 Leichen wurden von uns in einem Massengrab auf einer Anhöhe neben dem Dorf beigesetzt. In der Nacht vor dieser Beisetzung hatte ein feindlicher Flieger mit einer Bombe ein Haus getroffen, in dem Kameraden einer anderen Einheit gelegen haben. Hierbei wurden 6 Mann schwer getroffen, deren Leichenteile in Zelten an derselben Stelle in einem besonderen Massengrab beigesetzt wurden. Da ich dienstlich außerhalb von Nemmersdorf zu tun hatte, stellte ich bei dieser Gelegenheit fest, daß der Gegner hinter Nemmersdorf einige seiner Panzer stehen lassen mußte. Ich konnte jedoch nicht erkennen, ob diese von unserer Abwehr unbrauchbar gemacht wurden, oder die beschädigte Brücke sie an der Weiterfahrt gehindert hatte. Einer von diesen Panzern blieb auf dem beschädigten Teil der Brücke hängen, dessen Waffen noch geladen waren. Ich fand auf ihm eine ganz neue Strickjacke, die ein Russe in Nemmersdorf in einem großen Geschäft gestohlen hatte. Ich konnte Sie jedoch beim Einsatz gut gebrauchen, weil Ende Oktober das Wetter schon ziemlich kalt wurde, und mir deshalb diese Strickjacke sehr gute Dienste geleistet hat, zumal ich damals auch schon 53 Jahre alt gewesen bin. Wir haben in Nemmersdorf keinen toten sowjetischen Soldaten angetroffen, wissen demnach nicht, ob damals dort welche gefallen waren."


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