Eine Schilderung der Vorgänge von Nemmersdorf in militärischer Hinsicht gibt Th. Rammstedt in den „Herzberger Nachrichten" vom 11. Oktober 1954: unter dem Titel: „Der Schrecken von Nemmersdorf":
 
Es wird die Frage gestellt, wie der überraschende Durchbruch der Sowjets auf Nemmersdorf im Oktober 1944 gelingen konnte und die Erklärung gegeben:
 
„Fünf russische Armeen mit etwa 40 Infanteriedivisionen und zahlreichen motorisierten und Panzer-Verbänden mit etwa 1500 Panzern, griffen die 4. deutsche Armee an, der im Verlauf dieser ersten Abwehrschlacht um Ostpreußen unter General Hoßbach nur 6 Infanterie-, 2 Panzer-, 1 Panzer-Grenadier-, 6 neu aufgestellte Volksgrenadier-Divisionen und 1 Sicherungsdivision, 1 Grenadier-Brigade, zwei Kavallerie-Brigaden und ein kleiner Polizeiverband zur Verfügung standen. Die sowjetische Heeresleitung wollte den frontalen Durchbruch in Richtung Königsberg. Ihr Hauptstoß richtete sich deshalb entlang der großen Straße, die von Wilkowischken über Gumbinnen nach Insterburg führt. Etwas später trat die Rote Armee auch südlich der Rominter Heide zum Angriff an und nahm Goldap. Die Sowjets setzten starke Panzer-, Artillerie-und Fliegerverbände ein. Erbittert wehrten sich die deutschen Truppen, wichen schrittweise zurück, führten verzweifelte Gegenangriffe, konnten schließlich den Feind im Gegenangriff bis hinter die Rominte zurückschlagen. Am 28. Oktober ließ die Schlacht nördlich der Rominter Heide nach, während Goldap erst am 5. November befreit wurde. Zwei Tage dauerte allein der Häuserkampf in dieser schwergeprüften ostpreußischen Stadt. Die Front der 4. Armee war nach Abschluß der Kämpfe auf 150 km Breite und etwa 40 km Tiefe zurückgedrückt worden. 
Als am Montag, dem 16. Oktober, die Straße Angerapp—Insterburg und damit der Weg nach Königsberg bedroht wurde, da standen kaum Feldtruppen zur Verfügung. Insterburger Rekruten und Offiziersanwärter, die noch in der Ausbildung waren, wurden in die Bresche zwischen Teilen der Panzergenadier-Division ,Hermann Göring' und einer Infanteriedivision geworfen. Die Verbindung war kilometerweit unterbrochen. Und der Russe hatte die besten Stellungen in jenen Gräben bezogen, die deutsche Festungspioniere und die ostpreußische Bevölkerung zum Schutz ihrer Heimat in den Monaten vorher angelegt hatten. Dünn war der Sicherungsgürtel, der vor die Rote 11. Gardedivision gelegt wurde. Aber die Kampfkraft, auch der Rekruten, war einmalig, da die meisten ostpreußische Söhne waren und sich für diesen Einsatz freiwillig gemeldet hatten; denn sie wußten bereits aus den Schreckensmeldungen der Flüchtlinge, daß hier nicht nur Haus und Hof verteidigt wurden, sondern auch Sicherheit und Leben der Angehörigen. Hart war der Kampf um Nemmersdorf. Das eine Panzergrenadierbataillon hatte z. B. über die Hälfte aller Offiziere durch Tod oder Verwundung verloren. Aber schlimmer als dieser Kampf war das, was man in den eroberten Orten erblickte. Von Mund zu Mund ging bei den Soldaten und Zivilisten die Schreckenskunde von Nemmersdorf. Diese Bestialitäten der Sowjets trieben die Soldaten zum verzweifelten Widerstand an. Und die Zivilbevölkerung befiel das Grauen und die Verzweiflung. Bilder von Nemmersdorf wurden kaum veröffentlicht; das wagte Hitler dem Volke nicht zu zeigen. ,Was ihr auch alles in den Zeitungen über Nemmersdorf lest, die Wahrheit ist noch viel schlimmer, so schrieb es damals ein Soldat von Nemmersdorf nach Hause. In den zurückeroberten Orten lag das Vieh sinnlos hingeschlachtet. Es war ein trostloser Anblick! Aller Hausrat zerschlagen, die Wohnungen verwüstet und besudelt, und die Leichen der vielen Zivilisten oft grausam entstellt. Als Rittmeister K. mit seinen Rekruten zur gesprengten Brücke an der Angerapp vordrang, da trafen sie als erstes auf eine erschossene Frau, der die Kleider vom Leibe gerissen waren. Und daneben lag ihr etwa zwei Jahre altes Kind, durch Kopfschuß getötet. In einem Raum der wenigen noch unzerstörten Häuser lagen drei Ermordete. Der mit Blut besudelte Fußboden des Zimmers zeigte deutlich, wie qualvoll der Tod gewesen war. Es gab noch schrecklichere Bilder .......
Trotz der Gefahren, die sich in diesen Oktobertagen für Ostpreußen gezeigt hatten, wurden die Truppen, die zur Verteidigung dieser östlichsten Provinz bereitstanden, nicht wesentlich verstärkt. Und Gauleiter Koch verbot sogar jede Vorbereitung für eine Evakuierung, weil er ,soIches Flüchten' als Verzweifeln am deutschen Endsieg' ansah  ........
Den westlichen Verbündeten Moskaus blieb es damals wohl noch unbekannt, daß die Sowjets wahllos wüteten und in Nemmersdorf auch 40 französische Gefangene nicht befreit, sondern erschlagen hatten. Associated Press meldete am 26.10.1944: „Seit Stalingrad sind an der Ostfront nicht mehr so wahnsinnig erbitterte Kämpfe erfolgt, wie jetzt in Ostpreußen. Die härtesten Kämpfe finden im Raum von Goldap und südlich von Gumbinnen statt."
 
Dem Bericht sind 2 Fotoabbildungen beigegeben: Nach dem deutschen Gegenangriff: Links ein abgeschossener sowjetischer Panzer, rechts ein erobertes 15-cm-Geschütz. Die Originale dieser Abbildungen sind sonst nirgendwo mehr aufzufinden. —


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