Der Schüler Karl Feller, der im Januar 1945 zwölf Jahre alt war, Sohn des Gutsbesitzers Fritz Feller aus Kaimeiswerder, Kr. Gumbinnen, erlebte von 1945 bis 1948 mit seinen Großeltern (Herrn und Frau Gutsbesitzer Meyer - Nemmersdorf) die Russenbesetzung in Ostpreußen, und erteilte später folgenden Bericht (27. 2. 1953):   

„Meine Erlebnisse vom 19. Januar 1945 bis 3. Mai 1948":  

Unser Abmarsch von Schildeck, Kr. Osterode (wohin ihn sein Vater noch gebracht hatte) gestaltete sich so, daß nachdem die meisten Leute auf Autos selbständig fortgefahren waren, Opa das Coupee, ich den Landauer und Schwelnus, Drewanowski und Fritz Schawaller je einen Wagen fuhren. Im Morgengrauen des Sonntags waren wir erst bis Groeben gekommen. Unter großen Schwierigkeiten, bei Flieger- und Panzerbeschuß in Osterode, gelangten wir am Dienstag früh in die Gegend von Liebemühl. In Liebemühl selbst wurde gekämpft. Weil es vorn nicht mehr weiterging, machten wir kehrt und fuhren in einen Wald. Opas Wagen war in tiefen Schnee geraten und blieb stecken. Oma stieg dann aus meinem Landauer aus und ging zu Opa zurück, weil sie sagte, wo Opa ist, da bleibe ich auch. Ich selbst fuhr mit meinem Landauer in den Wald. Da ich nun ganz allein war und die Pferde vor Mattigkeit nicht mehr weiterzwangen, ließ ich meinen Landauer stehen und suchte Stutzke auf. Mit ihm zusammen fuhr ich nach Jonasdorf. (Dort waren dann anscheinend schon die Russen, worüber in dem Bericht nichts gesagt wird: Anm. Grenz!). Dort wurde ich zweimal zum Viehtreiben nach Polen und Hohenstein eingesetzt. Ich kam jedesmal gesund zurück. Von Jonasdorf sind wir nach Nasteiken gezogen, weil dort die Verpflegungsmöglichkeiten besser waren. Ich selbst habe dort beim Dreschen geholfen, indem ich Kohlen und Wasser fuhr. Nach etwa einem Monat kamen Opa und Oma mich besuchen. Sie holten sich Lebensmittel und gaben Stutzkes dafür Porzellan und Waschpulver.
Als der Krieg am 8. Mai zu Ende war, ging ich selbständig nach Osterode zu Opa und Oma. In Osterode habe ich im Krankenhaus geholfen, indem ich Heilkräuter sammelte. Da Opa annahm, daß ein Teil seiner Kinder und Enkel in Nemmersdorf sein würden, faßte er den Entschluß, mit Oma und mir nach Nemmersdorf zu gehen. Da der Abtransport mit der Bahn zu schwierig erschien, entschlossen sich Oma und Opa zu einem Fußmarsch mit einem Handwagen. Uns schlossen sich an: Seraphim, Fouquee (Groß-Pruschillen), Lange (Klein-Pruschillen) und Kochs Schwager. Im ganzen waren wir eine Kolonne von 5 bis Handwagen. Ende Juni sind wir von Osterode losgegangen. Wir gingen nördlich Allensteins vorbei über Seeburg, Guttstadt, Gerdauen und Nordenburg, wo uns die Russen festhielten. Nach 3 oder 4 Tagen gingen wir davon und gelangten über Gudellen und Darkehmen nach Nemmersdorf. Der ganze Marsch dauerte etwa 14 Tage. Wir legten im Durchschnitt 20 km täglich zurück. Opa und ich zogen den Wagen und Oma ging hinten nach. Wir hatten 2 Betten, die Pelze und eine Kiste mit Lebensmitteln aufgeladen. Wir lebten von Vorräten, die wir uns aus Osterode mitgebracht hatten. Aus dem Umkreis von Osterode hatten wir nämlich von den Bauerngehöften Getreide geholt, es ausgeklopft und die Körner zu Brot verarbeitet.  
 
In Nemmersdorf meldeten wir uns beim Bürgermeister Dibse, der uns das alte Schlafzimmer in Omas Haus als Wohnung zuwies. Nach etwa 7 Tagen wurde Opa durch russische Polizei verhaftet, da er von Deutschen denunziert worden war. Man transportierte ihn nach Darkehmen, wo er sich durch Kartoffelschalen an einer Feldküche einigermaßen erhalten konnte. Schlechter erging es ihm in Goldap. Dort wurde er oft nachts herausgeholt, verhört und geschlagen. Im Oktober kam Opa aus Goldap körperlich gebrochen zurück. Der Bürgermeister stellte uns Mehl und Grütze zur Verfügung.
 
Ende November wurde Oma schwerkrank, anscheinend Erkältung. Am 1. Dezember legte sie sich ins Bett, lag mehrere Tage ohne Besinnung und ist am 7. Dezember um 17.30 Uhr entschlafen. Allem Anschein nach hatte sie Lungenentzündung. Sie wurde an dem von ihr ausgesuchten Platz auf dem Gutskirchhof beigesetzt. Beim Begräbnis war außer Opa und mir Viehhändler Stein aus Gumbinnen anwesend. Opa sprach an ihrem Grab ein Gebet. Nun waren Opa und ich auf uns allein angewiesen. Opa wurde infolge der Anstrengungen und der Entkräftung auch bettlägerig. Ich habe für ihn gekocht und ihn gepflegt. Opa litt besonders an Blasenleiden und Verdauungsstörungen. Am 22. Dezember um 3 Uhr starb Opa. Wir haben ihn neben Oma beigesetzt. Beim Begräbnis waren außer mir und Herrn Stein noch andere Männer zugegen. Am Grabe haben wir ein Lied gesungen und ein Gebet gesprochen. Von den Gräbern hat man einen schönen Blick auf die Kirche. Für Opas Grab habe ich einen Tannenstrauß geholt.
 
Da ich nun allein war, aß ich auf Wunsch von Opa bei Familie Stein und zog Anfang Februar (1946) zu Frau Hofer ins Pfarrhaus. Dort lebte ich bis zu meinem Abtransport in das Reich zusammen mit Frl. Else Burat. Beide haben für mein Essen gesorgt, meine Wäsche in Ordnung gehalten und mich immer betreut. Mitte Januar 1946 wurde ich der Schmiede zugeteilt. Dort habe ich unter Meister Krause, der in der Maschinenfabrik in Gumbinnen tätig gewesen ist, als Schmiedelehrling gearbeitet. In der Schmiede machte ich hauptsächlich Handreichungen. Später wurde ich mit Reparaturen von Motoren und Treckern beschäftigt. Die Arbeit begann morgens, wenn die Sonne aufging und endete, wenn es dunkel wurde. Mittags gab es eine Stunde Pause, Frühstück und Vesper gar nicht. Im Sommer haben wir gar keinen Sonntag feiern können, ebenso wenig gab es Weihnachten und Ostern Feiertage. Wir hatten weder Arzt noch Apotheke, noch Krankenschwester, weder Pfarrer noch Gottesdienst, weder Schule noch Lehrer. Jede soziale Betreuung fehlte. Bis Sommer 1946 bestand unsere Löhnung in Naturalien: Mehl, Grütze und etwas Zucker. Frischfleisch gab es überhaupt nicht. Eier und Schmalz sind ebenfalls nie geliefert worden. In der ersten Zeit wurde Fleisch von kranken Tieren ausgegeben. Später wurde dies verboten. Seit Sommer 1946 wurden wir mit Geld (Rubel) gelöhnt. Ich verdiente im Anfang etwa 100 Rubel und konnte später meinen Verdienst auf etwa 300 Rubel steigern, weil ich an den Treckern als Spezialist galt. Wir konnten unser Geld zu beliebigem Ankauf von Lebensmitteln verwenden, mußten uns aber auf Brot, Mehl und Kartoffeln beschränken, da dieses am meisten satt machte. Ein Kilogramm Butter kostete 60 Rubel, daher war es uns nicht möglich, welche zu kaufen. Außerdem war die Qualität so schlecht, daß wir uns besser standen, wenn wir uns Brot kauften. Frau Hofer arbeitete in einer Offizierswohnung und verdiente so ihr Essen. Wenn ich mittags nach Hause kam, habe ich mir oft mein Essen selbst gekocht, wenn Frau Hofer und Else aus der Arbeit noch nicht zurück waren. Unser gewöhnliches Essen bestand aus Mehl, Wasser und etwas Salz. Morgens haben wir uns auch eine Mehlsuppe gekocht. Dazu gab es trocknes Brot mit Kaffee. Wenn wir etwas Besonderes zur Verfügung hatten, Kartoffeln oder etwas Zucker, dann haben wir uns dieses nach Feierabend zubereitet, da wir sonst keine Zeit dazu hatten. Wir konnten kein Stück Brot zum Frühstück oder Vesper mit aufs Feld nehmen, da wir dann nicht ausgekommen wären.
Im Laufe des Jahres 1945 war eine lange Typhusepidemie. An Typhus und Hunger sind in Nemmersdorf etwa 200 Menschen gestorben, darunter Herr Krög, beide Töchter von Frau Hofer und der Maschinenfabrikant Schweighöfer mit seiner Frau. Die Väter fehlten meist in den Familien. Wenn eine Frau starb, wurden die Kinder in das Waisenhaus eingewiesen. Ich selbst hatte auch Typhus mit Rückfall. Oma pflegte mich.  
 
Im Jahre 1948 verbreitete sich bei uns das Gerücht, daß alle Deutschen nach dem Reich kommen sollten. Wir hörten von den Abtransporten aus Königsberg. Am 30. März abends wurde uns durch die russische Polizei der Befehl gegeben, uns für den Abtransport fertig zu machen. Eine Woche vorher war meine Pflegemutter, Frau Hofer, plötzlich gestorben. Sie hatte Herzbeschwerden und lag eine Woche im Bett. Als ich mittags nach Hause kam, war sie gestorben. Sie wurde auf dem Dorfkirchhof begraben. Viele Blumen und Kränze schmückten ihr Grab. Fast alle Deutschen waren zum Begräbnis gekommen. Herr Lesdat hielt die Grabrede. Wir sangen mehrere Lieder.
Am 1. April 1948 früh waren wir mit unseren geringen Habseligkeiten am Roten Krug versammelt; dort fanden wir sämtliche Deutschen, mit geringen Ausnahmen, die von den Russen zurückgehalten wurden, versammelt. Es handelte sich hierbei um die Deutschen folgender Dörfer: Nemmersdorf, Gerwischken, Stobricken, Girnehlen, Austinehlen, Groß-Pruschillen, Kollatischken, Reckeln und Pennacken. Kinder, Kranke, Alte und das Gepäck wurden bis Gumbinnen gefahren. Die anderen gingen zu Fuß bis Gumbinnen. Dort wurden wir von der Militärrampe in 9 Waggons eingeladen und fuhren am 2. April abends ab. Am 3. April 1948 erreichten wir Königsberg. Dort wurden wir von der Breitspurbahn auf die Schmalspurbahn umgeladen. Vom russischen Bargeld durften wir uns Lebensmittel kaufen. An der Sperre wurden wir einer eingehenden Untersuchung unterzogen. Bargeld mit Wertsachen wurden abgenommen. Am 4. April abends fuhren wir vom Königsberger Güterbahnhof ab. Wir fuhren über Korschen, Thorn, Posen, Schneidemühl, Küstrin (hier passierten wir die neue polnische Grenze), Eberswalde bis Pasewalk. Dort hatte ich die erste Möglichkeit, an meine Eltern eine Karte zu schreiben. Wir verpflegten uns auf der Fahrt selbst. Zu unserem Transport gehörten etwa 2000 Personen. Fast alle wurden an Adressen in der russischen Zone verteilt.
Einen Tag nach unserer Ankunft in Pasewalk am 8. April fuhren wir weiter nach Suhl. Am 24. April verließ ich das Lager in Suhl, um nach Anweisung meiner Eltern nach Halberstadt zu fahren. Von Onkel Karl und Tante Anny wurde ich liebevoll aufgenommen und eingekleidet. Hier habe ich mich zum ersten Mal nach langer Zeit richtig satt gegessen und ausgeschlafen. Ich fühlte mich schon wie zu Hause. Am 1. Mai kam eine Transportschwester vom Roten Kreuz aus Hamburg und holte mich ab. Wir fuhren im Interzonenzug bis Hannover und kamen über Hamburg und Kiel nach Darry. Am 3. Mai abends traf ich in Darry bei meinen Eltern ein. —
 
Nun zu den Verhältnissen in Nemmersdorf: In Nemmersdorf stehen: Die Kirche (in sehr baufälligem Zustand), da Balken ausgesägt sind. Innen ist alles leer. Es steht die Schule, die als russische Schule benutzt wird, das Pfarrhaus mit Stall, der halb zusammengebrochen ist, der Hof von Rothgenger, Opas Meierei, Viehstall, Pferdestall und Speicher, vom Doktorgehöft nur der Stall.
In Kaimelswerder  stehen:  Kuhstall,  ein  halbes  Leutehaus und Leutestall.
In Pennacken steht alles bis auf die Feldscheune. Von Grimms Hof sind Wohnhaus, Leutehaus und ein Stall übriggeblieben.
Die Angerappbrücke nach Gumbinnen war von den Russen provisorisch hergestellt worden, wurde aber beim Eisgang abgerissen und nicht wieder aufgebaut.
Der Verkehr nach Gumbinnen geht jetzt über Tittnaggen. Sämtliche Straßen sind in sehr schlechtem Zustande.
Von den Feldern liegen 2/3 brach. Angebaut werden nur Roggen, Hafer, Gerste, Kartoffeln und Kohl. Ganz geringe Erträge werden beim Anbau von Tomaten und Gurken erzielt. Die Obstbäume sind zum größten Teil abgeholzt, und die Beerensträucher sind überwuchert, so daß sie nichts tragen.
Wenn Brennholz gebraucht wird, werden Holzgebäude abgebrochen und verbrannt.
Sämtliche Überlandleitungen sind abgerissen; die Transformatorenhäuser vernichtet. Wir stellten im Winter eine Beleuchtung aus Traktorenbrennstoff in kleinen selbstgemachten Lämpchen her.
Pferde und Vieh werden in schlechtem Zustand gehalten. Die meisten kommen um. Zum Beispiel kamen im Frühjahr 1947 125 Pferde zum Ersatz, von denen im nächsten Frühjahr nur noch 28 am Leben waren.
Für die Sowchose Nemmersdorf, die den Bezirk von Nemmersdorf, Stobricken, Adomlauken, Tittnaggen, Gerwischken, Wandlaudszen, Reckein und Tutteln umfaßte, standen etwa 9 Trecker zur Verfügung.
Das Getreide wurde in Haufen auf den Feldern zusammengefahren und sofort ausgedroschen.
An Maschinen standen nur Grasmäher und Ableger zur Verfügung.
Das Rehwild ist vernichtet. Hasen, Fasanen und Rebhühner sieht man noch. Viele Füchse treiben sich auf den Feldern herum. Wölfe sind im Kreise Gumbinnen auch gesehen worden. Hühner und Schweine besaß niemand außer dem Kommandanten. Von Vierhufen steht nur noch der Pferdestall, der in der Mitte zusammengebrochen ist.
Der Oberstanner Hof steht bis auf die Scheune. Der Unterstanner Hof steht meiner Ansicht nach, da ich ein Dach gesehen habe.
Unsere Post mußte von Gumbinnen geholt werden und nach Gumbinnen gebracht werden. —
 
Beim ersten Zusammentreffen mit den Russen bei Liebemühl verloren Opa und Oma alles, sogar ihre Trauringe wurden ihnen von den Russen abgenommen. Oma bekam ihre Ringe zurück, da sie allen Russen zu klein waren. Später hat Oma sie als Knopf zusammengenäht an ihrem Kleid getragen. Ich habe sie bis hierher in den Westen retten können. Diese Zustände, wie ich sie geschildert habe, herrschen fast im ganzen nördlichen Teil Ostpreußens. —


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