Schließlich verfügen wir noch über einen umfangreichen Bericht von Ernst Wegner (früher wohnhaft in Gumbinnen, Meelbeckstr. 30), der von seinem Fluchtort in Mecklenburg nach Gumbinnen zurückmußte. Er verlebte die Jahre von 1945 bis 1948 in der Sowchose zu Nemmersdorf.
 
Der Bericht wurde im März 1950 abgefaßt, und trägt den Titel: „Erlebnisse während meiner dreijährigen russischen Gefangenschaft auf der Sowchose Nemmersdorf von 1945—1948".
 
Bevor ich über meine Erlebnisse in der Gefangenschaft berichte, möchte ich hier noch kurz meine Abreise von Gumbinnen bis zur Ankunft im Städtchen Barth (Pommern) schildern.
 
Nachdem der Russe am 16.10.1944 den planmäßig vorbereiteten Luftangriff auf unsere Heimatstadt Gumbinnen durchgeführt hatte, versahen wir unsern Dienst beim Wehrbezirkskommando pflichtgemäß auch weiterhin bis zum 22.10.1944. Gegen Mittag kreisten russische Flugzeuge über Gumbinnen, die Front kam näher. Es kam auch der Befehl zum Abrücken. Schnell wurde noch von Hause das wichtigste Gepäck geholt und auf bereitstehenden Lkws ging die Fahrt mit dem gesamten Kommando in Richtung Insterburg bis nach Groß-Plauen bei Allenburg im Kreise Wehlau. Dort hatten wir unseren Dienstbetrieb mit den W. M. Aem. Gumbinnen, Insterburg und Ebenrode (Stallupönen) wieder notdürftig neu aufgebaut und arbeiteten weiter. Hier feierten wir auch das Weihnachtsfest — diesmal ohne Familie. Wochen vergingen, ohne zu ahnen, daß wir auch hier bald das Feld würden räumen müssen. Der Russe hatte bei Taplacken (Kr. Wehlau) unsere Front durchbrochen und stieß mit seinen Panzern durch Wehlau in Richtung Allenburg vor. Alles kam so überraschend, daß wir noch des nachts unser Privatgepäck nur zum Teil zusammenraffen konnten und überstürzt in Pkw's nach Königsberg abfuhren. Der größte Teil des Gepäcks, das wegen Platzmangel in den Pkw's nicht mitgenommen werden konnte, fiel den Russen in die Hände. 
 
Kurzer Aufenthalt in Königsberg: In Königsberg bezogen wir bei unserer Ankunft in den frühen Morgenstunden des 24.1.1945 Quartier in der Trommelplatzkaserne gegenüber dem Nordbahnhof. Dieser Stadtteil sollte auf  Befehl von Gauleiter Koch unbedingt gehalten werden. Doch auch hier sollten wir uns nicht lange aufhalten dürfen.
Der Russe rückte mit starken Panzereinheiten unaufhaltsam weiter bis kurz vor Königsberg und sandte uns am Morgen des 28.1.1945 den ersten Sonntagsgruß in Gestalt einer Salve schwerer Geschosse, die alle in der Nähe des Nordbahnhofs ihr Ziel erreichten und hier einschlugen. Wieder mußten wir unsere letzten Habseligkeiten zusammenpacken und uns mit dem weiblichen Personal der Dienststellen eiligst zum Abtransport auf dem Seewege zum Hafen begeben. Die Fahrt ging des Nachts in größeren Kähnen und in eisiger Kälte bis Pillau. Wer hier mitkam, war einstweilen geborgen, denn schon beim Besteigen der Planken zu den Kähnen war der Stärkste der Beste, und so passierte es, daß Frauen mit ihren Kindern hierbei ins eiskalte Wasser fielen und verschwanden. Jeder war sich selbst der Nächste. Eine Absperrung war nicht vorhanden, hätte auch wenig nützen können.
In Pillau klappte die Übernahme der angekommenen Flüchtlinge auf vor Anker liegende größere Schiffe der Kriegsmarine musterhaft, da die Matrosen nun die Verteilung der Passagiere überwachten und ihnen die Plätze anwiesen. Auf dem Kriegsschiff wurden wir von der Marine mit warmem Essen, Brot, Butter und Wurst während der ganzen Fahrt gut verpflegt. —
Die Abfahrt von Pillau und abenteuerliche Fahrt auf hoher See bis Saßnitz auf der Insel Rügen: Am nächsten Tage ging unser Schiff mit 2500 Flüchtlingen an Bord in See. Die Sonne lachte, aber es wehte ein kalter Wind. Gegen Abend änderte sich das Wetter und brachte uns bei Windstärke 9 in eine gefährliche Lage, da sich durch den Sturm zahlreiche Minen losgerissen hatten und abgetrieben waren. Unser Schiff fuhr mit äußerster Vorsicht und wurde von den hohen Wellen wie eine Nußschale hin- und hergeworfen. Etwa 90 Prozent der Fahrgäste lagen seekrank auf Deck und auf den Schiffstreppen umher. Es war kein schöner Anblick, wie da so viele Menschen sich am Boden wälzten und sich übergeben mußten.
In Gotenhafen wurde am frühen Morgen angelegt, das Schiff von den Spuren der unheilvollen Nacht gründlich gereinigt. Dann gab es heißen Kaffee zur Stärkung und Erholung von den überstandenen Strapazen. Nachdem unser Schiff Kohlen und frisches Trinkwasser übernommen hatte, ging es am nächsten Tage gegen Abend wieder in See. Die Fahrt ging einige Stunden gut, als wir dann plötzlich durch starkes Gerassel an den Schiffswänden — wie Donner bei einem Gewitter — aus dem Schlaf geweckt wurden. Die Lichtanlage war durch diese Erschütterung beschädigt worden und verdunkelte den gesamten Schiffsinnenraum. Die Matrosen rannten mit ihren Sturmlaternen hin und her, um die Ursache dieses Schadens festzustellen. Wie ich dann später im Verlauf eines Gesprächs mit einem Maat erfuhr, hatten wir eine treibende Mine nur seitwärts gestreift und waren so vor einem großen Unglück bewahrt geblieben.
 
In dieser verhängnisvollen Nacht wurde auch das Passagierschiff „Wilhelm Gustloff" mit 2000 Verwundeten und 4000 Flüchtlingen an Bord von einem russischen U-Boot in völkerrechtswidriger Weise torpediert.
 
Um bei uns nicht eine Panik aufkommen zu lassen, war von der Schiffsleitung hiervon strengstens Stillschweigen befohlen worden. So landeten wir endlich am Morgen des 6.2.1945 in Saßnitz auf der Insel Rügen. Von hier aus ging die Fahrt mit der Bahn landeinwärts bis Barth an der Ostsee. Am Bahnhof erwarteten uns eingesetzte Helfer und Helferinnen und führten uns in größere Notquartiere, um dann am nächsten Tage in Privatquartieren untergebracht zu werden. Ich bekam ein gutes Bürgerquartier bei einem älteren Malermeister und habe hier volle 3 Monate gelebt.
Am 2.5.1945 rückten dann die ersten russischen Panzer mit anderen Kampfverbänden in Barth ein, und kurze Zeit darauf begannen schon die ersten Überfälle auf offener Straße. Passanten wurden von diesen Straßenräubern angehalten und mußten die Uhren, Ringe und dergl. hingeben. Als die Bevölkerung sich daraufhin in ihren Wohnungen verborgen hielt, drang diese zügellose Soldateska in die Häuser und setzte hier in brutaler Weise ihre Beraubung oft mit vorgehaltener Maschinenpistole fort. Jüngere Frauen wurden von diesen Wüstlingen, nachdem sie diese geängstigten Menschen ausgeplündert hatten, obendrein noch in schamloser Weise vergewaltigt. Geschäfte wurden vom Pöbel, darunter vielen Polen, unter dem Schutz russischer Soldaten geplündert, Schaufenster eingeschlagen, und die hierin ausgestellten Waren auf bereitstehenden Wagen fortgeschafft. Anschließend wurden meistens noch die Wohnräume der Geschäftsinhaber nach Uhren, Schmucksachen und dergl. durchwühlt und ausgeraubt. Es waren Schreckenstage, die wir bei dem Durchzug dieser asiatischen Horden erdulden mußten. Die Lebensmittelgeschäfte waren geplündert und die Läden vollkommen ausgeräumt. In den ersten Tagen der vorangegangenen Plünderungen bekam man auf seine Lebensmittelkarten nichts zu kaufen, bis dann wieder neue Ware zur Versorgung der Bevölkerung herangeschafft wurde.
Die Ernährungslage war durch den anhaltenden Zustrom neuer Flüchtlinge aus Pommern und den vielen Ostflüchtlingen immer bedrohlicher geworden. Die Bäckereien konnten dem täglichen Bedarf an Brot nicht mehr gerecht werden, und es drohten neue Hungerrevolten auszubrechen. Nun entschloß sich der russische Kommandant, die gesamten Ostflüchtlinge innerhalb von 3 Tagen wieder nach dem Osten abzuschieben. Ausgehängte große Plakate verkündeten, daß jeder Ostpreuße, der vor 1939 dort seinen festen Wohnsitz gehabt hat, zwecks Registrierung und Ausstellung eines Rückfahrscheins unverzüglich auf dem Rathaus zu erscheinen habe. Andernfalls würden die Lebensmittelkarten an die Ostflüchtlinge nicht mehr ausgegeben. Nun war guter Rat teuer. Wir waren von nun an dem Russen ausgeliefert. Zum Abtransport standen im Hafen schon mehrere Schleppkähne für diese Fahrt ins Ungewisse bereit. —
Abschied und Abfahrt von Barth: Am dritten Tage hatten wir uns also befehlsgemäß mit unserem Reisegepäck und Verpflegung für ein paar Tage am Hafen einzufinden. Polizei und russische Soldaten überwachten und regelten einen reibungslosen Verlauf bei der Einschiffung dieser Rückwanderer in die ehemalige Heimat. Als nun die Schiffe voll belegt und jeder seinen Platz eingenommen hatte, lösten sich die Taue von der Mole und mit Dankesworten und Tücherschwenken verabschiedeten wir uns — mancher unserer Landsleute für immer — von der zahlreich erschienenen Barther Bevölkerung. —
Die Fahrt ging über Stralsund bis Stettin. Diese schöne Seestadt hatte durch wiederholte Luftangriffe auch schwer gelitten und war fast menschenleer. Nur russische Posten waren an den Straßenecken sichtbar und kontrollierten unsere Ausweise. Die Oder-Brücken waren alle zerstört, und so mußten wir uns, um von hier aus überhaupt weiterzukommen, zu Fuß mit unserm Gepäck bis zur nächsten Eisenbahnstation Scheune begeben. Von hier aus konnte man nun einen beliebigen Materialzug benutzen, um etappenweise sein Reiseziel zu erreichen. Solch eine Fahrt auf beladenem, offenem Materialzug war mit Hindernissen verbunden und brachte uns viele unfreiwillige und unfreundliche Aufenthalte. Wenn solch ein Zug auf einer Station hielt, wurde man zu Aufräumungsarbeiten von unseren Wagen heruntergeholt und durfte erst seine Weiterreise fortsetzen, wenn diese Arbeiten verrichtet waren. Als Entschädigung bekamen wir für diese Arbeiten ab und zu mal Pellkartoffeln mit Salz. Nicht unerwähnt lassen möchte ich hierbei die räuberischen Überfälle während dieser vierzehntägigen abenteuerlichen Fahrt. Jugendliche Banditen begleiteten rudelweise diese Züge und fielen des Nachts wie schleichende Raubtierte über die schlafenden Menschen her und raubten diesen oft ihre letzten Habseligkeiten mit dem letzten Stückchen Brot. Das russische Begleitpersonal duldete diese fortgesetzten organisierten Überfälle und schritt trotz lauter Hilferufe hiergegen nicht ein. So vergingen bange 14 Tage, bis ich dann endlich am 13.6.1945 auf meinem Heimatbahnhof Gumbinnen angelangt war. —
 
Ankunft in Gumbinnen und Abtransport nach dem Arbeitslager der Sowchose 26 Nemmersdorf:
Der 13.06.1945 war ein klarer Sommertag, der mich wieder in meine Heimatstadt zurückgeführt hatte. Diesmal jedoch unter anderen Umständen. Der Bahnsteig war vollkommen menschenleer, nur russische Posten gingen auf und ab und bewachten den angekommenen Beutezug, mit den geraubten landwirtschaftlichen Maschinen und sonstigem Stückgut. Es war ein wehmütiges Gefühl bei diesem seltsamen Anblick. Wie hatte sich doch die Zeit geändert; sonst wurde ich bei jedesmaliger Ankunft auf diesem Bahnsteig von meiner Frau oder Tochter mit freundlichem Gesicht und warmem Händedruck begrüßt, diesmal empfing mich ein russischer Posten mit umgehängter Maschinenpistole mit den Worten: „Komm Kamrad, dawai!"
Im Bahnhofsgebäude standen schon einige mir unbekannte Schicksalsgenossen und warteten hier auf den Abmarsch zur Kommandantur in der Brunnenstraße im Hause des Tischlermeisters Thies. Hier wurden unsere Reisepapiere geprüft, die weiteren Personalien festgestellt, und wir wurden einem eingehenden Verhör unterzogen. Ob Kapitalist, bei der Partei, SA oder SS. Wer besonders verdächtig schien, wurde ausgesondert und in einem Nebenraum untergebracht und hier ständig bewacht. Wir anderen wurden nach Erledigung dieser Formalitäten in leerstehende Stuben ohne Stühle und Tische im Hofgebäude dieses Grundstücks einquartiert. Am Abend gab es noch eine warme Mehlsuppe ohne Brot und dann machten wir unser Nachtlager auf dem gedielten Fußboden zurecht, den Rucksack als Kopfpolster und wer noch eine Schlafdecke besaß, war glücklich, seine müden Glieder hierin einzuhüllen.
Am frühen Morgen kam der Befehl: „Alles fertig machen zum Abtransport nach Nemmersdorf." Die Gesunden zu Fuß und für die Alten und Kranken stand ein Fuhrwerk bereit. Dieser Gefangenentransport bestand aus etwa 30 Personen (Männern, Frauen und Kindern) und wurde von einem Posten nach dort begleitet. Der Marsch ging über Annahof — Kuttkuhnen — Gerwischken. Hier möchte ich gleich berichten, was ich auf diesem Schicksalsweg erlebt und gesehen habe.
Die Gebäude und Grundstücke von Didt bis zum Bahnübergang waren zu beiden Seiten der Straße stark beschädigt. In Kuttkuhnen ist die Gastwirtschaft Haase zerstört, ebenso einige kleinere Häuser ausgebrannt. Die Bahnhöfe Stulgen und Norgallen sind in Trümmerhaufen verwandelt. Wir nähern uns Gerwischken. Hier liegen die neuen Siedlungen in Schutt, das Gut selbst hat weniger Schaden erlitten, nur der Speicher mit Silo ist vernichtet. Hier wohnten bis 1948 deutsche Landsleute und haben Sklavendienste verrichtet. Das weiter entfernt gelegene Gutshaus Herrmann ist vollständig zerstört und später auch die große Scheune für andere Zwecke von den Russen abgebrochen worden  .....
 
Wir kommen zum Dorfeingang von Nemmersdorf:
Die Betonbrücke ist gesprengt und durch eine Notbrücke ergänzt worden, die bei Hochwasser meistens fortgespült wurde. Auf der anderen Seite des Flusses liegt vor uns der alte Dorffriedhof, von dem sämtliche Grabgitter von den Russen für andere Zwecke entfernt worden sind. Dahinter befindet sich die letzte Ruhestätte der ermordeten 25 Opfer, die beim ersten Vorstoß der Russen in Nemmersdorf in bestialischer Weise umgebracht wurden. Die Kirche hat am Turm und Dach Artillerietreffer erhalten. Der „Weiße Krug" des Kaufmanns Woweries ist ein wahrer Schutthaufen, der „Rote Krug" ist nur am Dach beschädigt, und in den unteren Räumen befindet sich eine Tischlerei und ein großes Magazin (Lebensmittelgeschäft). Der Gutshof Mayer ist einigermaßen erhalten, nur zwei große Ställe sind zerstört worden, das ehemalige Postgebäude und die Dampfmühle Zindler sind stark beschädigt. Das jüdische Manufakturwarengeschäft ist ein großer Schutthaufen. Die Fleischerei Gruber ist unbeschädigt, und in den gesamten Räumen befindet sich die Kommandantur. Die Schule ist gut erhalten und wird von den russischen Schulkindern aus der ganzen Umgebung besucht. Die Dampfbäckerei ist erhalten geblieben und von den Russen wieder in Betrieb genommen. Die beiden neuen Wohnhäuser an der Wegkreuzung nach Sodehnen sind unversehrt und von Russenfamilien bewohnt. Die beiden Güter von Grimm und Rothgänger sind gut erhalten und auf dem Rothgängerschen Gutshof ist eine ostpreußische Viehherde eingestellt.
Wenn wir nun nach Wandlaudszen kommen, bietet sich dem Auge ein trostloser Anblick. Das ganze Dorf ist ein großes Trümmerfeld. Weiter links der Chaussee liegt das große Gut Kieselkehmen, das unversehrt geblieben ist und von den Russen als Spritbrennerei weiter ausgebaut wurde. Die Wassermühle Kissehlen ist von den Russen ebenfalls in Betrieb genommen und läuft auf Hochtouren. Wir begeben uns nun zurück auf die Kiesstraße nach Sodehnen. Die neuen Siedlungen rechts der Straße sind nur noch Schutthaufen. Weiter führt uns der Weg nach Kaimelswerder, wo ebenfalls das Gutshaus, der Speicher und ein großer massiver Stall vernichtet sind, dagegen sind die Insthäuser erhalten geblieben. Die Straße führt uns weiter nach Austinehlen, wo nur die Insthäuser erhalten sind. Von hier aus kommen wir nun nach Budballen, auch hier ist das Gutshaus zerstört, nur der große massive Stall und die beiden Insthäuser sind von Zivilrussen bewohnt. —
 
Kurz will ich noch über den Straßenzustand und die Ortschaften an der Insterburger Chaussee berichten.
Das früher beliebte Ausflugslokal „Schönort" ist total ausgebrannt. In der Ortschaft Stannaitschen wohnen jetzt nur Zivilrussen. Dieses Dorf ist verhältnismäßig gut erhalten geblieben. In dem Schulgebäude ist die Kommandantur tätig, und es herrscht in Stannaitschen ein reger Durchgangsverkehr. Ich begebe mich weiter nach Branden (Ischdaggen), um auch von hier einen Eindruck zu bekommen. Das Gut am Eingang des Dorfes ist nur zum Teil beschädigt, ebenso die Kirche. Das Gasthaus Perlbach ist vollkommen zerstört, ebenso hat auch die Mühle von Uszkoreit schwer gelitten. Von den neuen Siedlungsbauten sind auch einige Gebäude vernichtet worden.
Der Straßenzustand von Gumbinnen nach dem umbenannten Kaliningrad (Königsberg) ist in einem unbeschreiblich heruntergewirtschafteten Zustand, da während der Kriegs- und Nachkriegsjahre keine Ausbesserungsarbeiten vorgenommen wurden. Nicht viel besser sieht die Chaussee von Gumbinnen nach Darkehmen aus. Bei unserer Ankunft am 14. Juni 1945 in Nemmersdorf kam mir voll zum Bewußtsein, wohin mich das Schicksal geführt hat. Wir wurden von dem von den Russen eingesetzten Bürgermeister (einem Polen) empfangen, der uns nach Erledigung der üblichen Formalitäten die Unterkünfte anwies. Diese verlassenen Wohnungen befanden sich in einem fürchterlichen Zustand, verschmutzt, ohne Türen und zertrümmerte Fensterscheiben. Kein Stuhl, Tisch oder Bettgestell war vorhanden. Hier also sollten wir uns häuslich einrichten und uns das Leben erträglich gestalten. Nach und nach wurden diese Unterkünfte instandgesetzt und bewohnbar gemacht. Geschlafen haben wir in der ersten Zeit auf Strohlagern, bis dann allmählich Möbelstücke aus verlassenen Wohnungen der umliegenden Ortschaften herangeschafft und verteilt wurden. Das Essen mußten wir uns selbst machen; hierzu gab es meistens Roggenmehl und Gerstengrütze. Die übrigen Zutaten konnten wir uns denken. Durch diese einseitige Ernährungsweise mußte sich der Körper vollständig umstellen und kam hierdurch langsam in Verfall. Wer noch über einen gesunden Magen und ein gesundes Herz verfügte, hat diese plötzliche Umstellung der einseitigen Ernährung überstanden. Alte Leute und kleine Kinder konnten sich an diese Kost nicht gewöhnen, und so erkrankte einer nach dem andern zum Teil an Wassersucht, andere an Stoffwechsel- und Kreislaufstörungen mit Herzschwäche. Ärztliche Betreuung und Medikamente waren im Jahre 1945 überhaupt nicht vorhanden. Auch die sanitären Verhältnisse in dem provisorisch eingerichteten Krankenhaus waren die denkbar schlechtesten und spotteten jeder Beschreibung. Die Kranken, die hier eingeliefert wurden, legte man in ein mit Haferstroh ausgelegtes Holzbettgestell. Jeder bedeckte sich mit seinen mitgebrachten Kleidungsstücken, da Schlafdecken nicht vorhanden waren. Starb ein Kranker, so wurde dieses Stroh aus dem Bett des Toten nicht entfernt, und man legte den nächsten Kranken unbesorgt wieder hinein. Das Ungeziefer fand hier den besten Nährboden und vermehrte sich in erschreckendem Ausmaß. Abwehr-und Reinigungsmittel wie Seife gab es zur Bekämpfung dieser Plagegeister nicht. Wie nicht anders zu erwarten, brach im Spätsommer 1945 eine Typhusepidemie bei uns aus, die unter den Lagerinsassen viele Todesopfer forderte. Diese Leichen mußten ja nun auch bestattet werden, und so erhielt ich vom Bürgermeister den wenig beneidenswerten Auftrag, dafür zu sorgen, daß diese Toten so schnell wie möglich beerdigt wurden. Zwei Tischler (Otto Schmidt und Franz Braun) waren mehrere Wochen nur mit dem Anfertigen von Särgen beschäftigt. Die Bretter hierzu wurden von Scheunen abgerissen. Um meine Arbeit beginnen zu können, suchte ich mir 4 unerschrockene Männer, die mich bei den ständigen Leichenbestattungen in anerkennenswerter Weise tatkräftig unterstützten. Es gehört schon eine gute Natur und Energie dazu, um eine solche nicht beneidenswerte Arbeit überhaupt ausführen zu können. Als Leichenwagen diente uns ein großer Handwagen. Im Lager wurden wir ironisch als die Männer vom Himmelfahrtskommando bezeichnet. Etwa 250 Tote habe ich mit meinen Männern eingesargt und mit unserm kleinen Leichenwagen zum Friedhof gezogen. Dort haben unsere Toten in ostpreußischer Heimaterde unter uralten Eichenbäumen des Gutsfriedhofes ihre letzte Ruhestätte gefunden.
Der unerbittliche Tod hatte im Lager unter den Leidensgenossen große Lücken gerissen. Die noch verbliebenen wenigen Arbeitskräfte reichten nicht aus, um die umfangreichen Arbeiten dieses großen Gutsbetriebes bewältigen zu können. Diese entstandene Lücke mußte durch neue Arbeitskräfte ausgeglichen werden. Im Frühjahr 1946 trafen dann die angekündigten neuen Leidensgenossen in mehreren Lastkraftwagen aus dem Großen Moosbruch (im Kreise Labiau) im Lager Nemmersdorf ein. Diese in Arbeit stehenden Menschen erhielten dort den Befehl, sich innerhalb von 2 Stunden mit dem notwendigsten Gepäck zur Abreise in eine unbekannte Gegend bereit zu halten. Vieh, Geflügel und dergl. mußte für die eingetroffenen Zivilrussen zurückgelassen werden.
Zu meiner bisherigen Beschäftigung erhielt ich zusätzlich noch einen neuen Auftrag, und zwar die Betreuung der jetzt eingetroffenen Moosbrucher Landsleute zu übernehmen, die Menschen möglichst schnell in neu instandgesetzten Unterkünften der beiden noch unbewohnten Güter Grimm und Rothgänger unterzubringen. Türen und Fenster waren auch hier nicht vorhanden. Aber es mußte in kürzester Zeit Abhilfe geschaffen werden, damit diese verschleppten Volksgenossen so schnell wie möglich zur Arbeit herangezogen werden konnten. Wer nicht arbeiten konnte, erhielt vom Russen keine Verpflegung. Alte Leute waren dem Hungertode preisgegeben, wenn diese nicht junge Familienangehörige zur Arbeit stellen konnten. —
 
Höherer Befehl zum Umzug nach Adlig-Heinrichsdorf:
Im Herbst 1946 trafen die ersten Transporte Zivilrussen in Nemmersdorf ein. Wir mußten nun unsere nett eingerichteten Unterkünfte für die Russenfamilien räumen und in andere Quartiere in der weiteren Umgebung des Lagers ziehen. 5 Lkw's brachten mehrere Familien, die vorher vom Direktor für diesen Umzug bestimmt waren, nach dem ausgestorbenen Gut Adlig Heinrichsdorf. Es war ein totes, von Unkraut überwuchertes adl. Gut. Das Gutshaus war nur ein Trümmerhaufen, die übrigen Gebäude ohne Türen und Fenster.
Mit unserem Einzug zog hier wieder neues Leben ein, und deutscher Fleiß brachte bald Ordnung in diese jahrelang verwaisten Räume. Zwei Zimmerleute machten sich unverzüglich an die Instandsetzungsarbeiten, und die Frauen schafften den von den abgezogenen Truppen hinterlassenen Schmutz und Unrat aus den leeren Stuben. Nachdem wir uns die neuen Unterkünfte wieder wohnlich eingerichtet hatten, begannen die weiteren Aufräumungsarbeiten auf dem großen Gutshof und in den noch gut erhaltenen 3 massiven Ställen. Wie mir dann gelegentlich bei einer Besichtigung der Direktor mitteilte, würde in Kürze hier ein Pferdetransport — etwa 40 Pferde — für längere Zeit untergebracht werden. Der angekündigte Transport traf dann auch bald ein. Zur Betreuung der Pferde waren außer 2 erfahrenen älteren Kutschern keine weiteren geeigneten Männer vorhanden, die Gespanne übernehmen konnten. So mußten 12jährige Jungen und 15- bis 18jährige Mädchen die Pflege der Pferde übernehmen. Jeder dieser neugebackenen Kutscher bekam 2 Pferde (ein Gespann) anvertraut und hatte nun das Tränken, Putzen, die Sielen und seinen Wagen in Ordnung zu halten.
Die Aufsicht und Einteilung der Tagesarbeit der Gespanne wurde mir vom Direktor übertragen. Damit hatte ich eine große Verantwortung  übernommen, denn mit diesen jungen Menschen — zum Teil noch Kindern — mußte die Tagesnorm im Pflügen, Eggen, Dungfahren usw. erreicht werden. Jeden Abend hatte ich nun einen Arbeitsbericht der geleisteten Arbeit nach Nemmersdorf abzugeben. Die Tätigkeit übte ich noch bis zum Frühjahr 1947 aus, bis dann auch hier ein größerer Transport Zivilrussen eintraf und uns auch von hier wieder
verdrängte. Wir zogen nun nach dem Ort Pennacken, 3 km von Nemmersdorf entfernt. Durch den andauernden Zustrom russischer Familien wurde für uns Deutsche die Wohnungsfrage ein besonderes Problem. In diesem großen Gut, das noch gut erhalten war, wurden nun 2—3 Familien in einen Raum zusammengelegt. Auf die Dauer war dies ein unhaltbarer Zustand; denn jeder wollte sein Essen zuerst auf den Herd stellen und seine Mahlzeiten zur rechten Zeit fertig haben. Die Arbeitszeit begann bei Sonnenaufgang und endete mit Sonnenuntergang und betrug in den Sommermonaten täglich bis zu 15 Stunden. Wir lebten wie die Wilden. Von der Außenwelt isoliert, ohne Uhrzeit, ohne Zeitungsnachrichten und jahrelang ohne Lebenszeichen von den Angehörigen. Da auch an Sonn- und Feiertagen durchgehend gearbeitet wurde, verblieb uns zur körperlichen Reinigung keine Zeit. Die Folge dieser ungesunden Lebensweise — die unausbleibliche Läuseplage — war das Ergebnis. Seife war zu einem normalen Preis nicht zu bekommen und nur auf dem Gumbinner oder Wirballer schwarzen Markt zu unerschwinglichen Preisen zu haben. So kostete z. B. 1 Stück gewöhnlicher Riegelseife 30 Rubel, ein 2-kg-Brot 60—70 Rubel. Diese phantastischen Preise standen zu dem geringen Arbeitsverdienst in keinem Verhältnis. Wer noch in der glücklichen Lage war, irgend einen nützlichen Gegenstand oder Kleidungsstücke auf dem schwarzen Markt umzusetzen, konnte sich diesen Luxus einmalig leisten. Eine Frau mit 2—3 Kindern verdiente pro Tag 3, höchstens 5 Rubel. Dieser geringe Verdienst reichte gerade noch aus, um das Roggenmehl zur Herstellung der Mehlsuppe zu bezahlen. Kartoffeln gab es auf normalem Wege nur selten zu kaufen. Sie waren durch den anhaltenden Zuzug der vielen Russen sehr knapp und Mangelware. So mußten wir uns mit Kartoffelersatz, der Zuteilung von Runkelrüben bei der Verpflegungsausgabe begnügen, die abgekocht und in kleine Stücke geschnitten, statt Gemüse gekocht wurden.
Im Frühjahr, als die Natur uns die ersten Brennesseln schenkte, sahen wir von nun an hoffnungsvoller in die Zukunft. Hieraus bereiteten wir uns einen dickgekochten Spinatbrei. Als die Brennesseln dann größer und härter wurden, fanden wir Ersatz in der sogenannten Melde. —
Ein besonderes Kapitel war die Beleuchtungsfrage.
Wer nicht im Dunkeln sitzen wollte, hat sich seinen Beleuchtungskörper selbst hergestellt. Den Brennstoff hierzu, ein Treibstoffgemisch (Kirassin), mußte man sich von hinten herum besorgen. Streichhölzer waren nur auf dem schwarzen Markt zu 1 und 2 Rubel je Schachtel erhältlich. Das Leben wurde durch den großen Zustrom der unaufhörlich neu eintreffenden Nachbarn aus dem Osten immer unerträglicher. Die Lebensmittelversorgung wurde knapp und die Sklavenarbeit immer brutaler. Die schlechteste und schwerste Arbeit mußten unsere deutschen Frauen verrichten. Mit dem Beginn der Heuernte bekam ich ein neues Arbeitsgebiet — ich wurde Messerschleifer für Grasmähmaschinen und hatte nun jeden Tag für 6 Grasmäher auf einem Spezialschiffstein 12 Messer zu schleifen. Mein Dienst begann schon vor Sonnenaufgang, damit die Gespanne frühzeitig hinausfahren konnten. Diese Arbeit hielt auch während der Roggenernte bis zum halben August 1947 an. Als dann die Kartoffelernte näherrückte, mußte ich meine bisherige Tätigkeit einstellen und wurde von nun an Wachtposten an den Kartoffelmieten eines großen Kartoffelfeldes.
Mein neuer Dienst begann bei Eintritt der Dunkelheit und endete mit Anbruch des neuen Tages. Der Unterstand aus großen Wellblechtafeln mit Stroh verkleidet, befand sich auf einer Anhöhe am Waldesrand. Es war eine gefährliche Ecke, da in diesem Waldabschnitt ein Rudel Wildschweine sein Unwesen trieb. So lange das milde Wetter noch anhielt, ließ sich dieser Dienst auf einsamem Posten ertragen, als dann aber die Kälte und Schneetreiben einsetzten, war ein längerer Aufenthalt im Freien ohne Pelz und Filzstiefel unmöglich. Meine Fußbekleidung bestand aus gewöhnlichen Holzschuhen, in die der Schnee ungehindert eindringen konnte. So war ich gezwungen, ab und zu vorübergehenden Unterschlupf in einem 1 km entfernten Pferdestall zu suchen. Diesen Nachtdienst habe ich noch bis Ende Januar 1948 versehen und erkrankte dann an Erkältung mit hohem Fieber, daß ich das Bett wochenlang hüten mußte. Einen Arzt und Medikamente konnte man nicht bekommen. In dieser Zeit war nun ein Zivilrusse dort als Posten eingesetzt. Nachdem ich dann wieder so weit hergestellt war, bekam ich eine neue Arbeit im Innern.
Ich wurde nun Seiler (Strickedreher). Mit einem Labiauer Schicksalsgenossen, der hierin Kenntnisse besaß, habe ich gemeinsam im Akkord Stricke, Pferdeleinen (ein- und zweispännig) sowie 10 m lange Heuleinen für die Ernte aus ostpreußischem Mähmaschinenbindegarn gedreht. Der Tagesverdienst war ein guter, da diese Arbeit als Spezialarbeit gewertet wurde. Dies war der Abschluß und die letzte Tätigkeit während meiner für das Sowjetparadies geleisteten Reparations- und Sklavenarbeit. —
 
Vorbereitungen zur Abfahrt von Nemmersdorf:
Ende März 1948 erfuhren wir zum Teil von Zivilrussen, daß wir nun bald fortkommen würden und es dauerte auch nur noch einige Tage, bis ein russischer Polizeioffizier mit einem Dolmetscher von Gumbinnen in Nemmersdorf eintraf, um die Personalien der Heimkehrer für die Transportliste fertigzustellen. Schon zwei Tage danach begab ich mich mit gepacktem Rucksack und aufgerollter Schlafdecke mit meinem Wanderstab nach Nemmersdorf. Von hier aus erfolgte der Abtransport mit Lastkraftwagen über Stobricken, Kampischkehmen und Fichtenwalde nach der Verladerampe Goldaper Straße. Auf dieser Abschiedsfahrt habe ich unsern herrlichen Fichtenwald wohl zum letzten Male gesehen. Dort wächst nur noch Gestrüpp, Unkraut, und dazwischen stehen vereinzelt Laubbäume. Inmitten des ausgestorbenen Waldes steht einsam und verlassen das bekannte Denkmal des Holzflößervereins. Auch hier haben die „Kulturbringer" des Ostens Bauschutt und sonstiges Gerumpel fuhrenweise abgeladen. Die Gaststätte Jodlack und die danebenliegende Schule sind gänzlich ausgebrannt. Die neue Artillerie-Kaserne dagegen ist unbeschädigt und mit russischen Soldaten belegt. Das Kraftwerk ist stark beschädigt. Bei unserer Ankunft auf der Verladerampe stand schon der Transportzug — bestehend aus geschlossenen Viehwagen ohne Sitzgelegenheit — für unsere Abreise bereit. Eine Anzahl Gumbinner Landsleute hatte sich eingefunden, um sich von uns zu verabschieden.
Am Abend des gleichen Tages ging die Fahrt bis Königsberg. Hier mußte alles aussteigen und sich nach einer nahegelegenen Halle zur Paßkontrolle begeben. Einzeln mußten wir durch eine Sperre, die von Zollbeamten besetzt war und hier unsern russischen Ausweis sowie die Brieftasche zur Einsichtnahme abgeben. Es sollte hier festgestellt werden, ob man noch alte Reichsbanknoten und sonstige verdächtige Papiere bei sich hatte. Wer größere Altgeldbeträge bei sich trug, dem wurden sie wortlos von den Zollbeamten abgenommen. Sogar Sparkassenbücher wurden den ahnungslosen Menschen gestohlen. Nach Erledigung all dieser Formalitäten durften wir dann, abgezählt zu je 30 Personen, die vorgeschriebenen numerierten Personenwagen besteigen. Für jeden dieser Wagen wurde ein Transportführer bestimmt, der für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen hatte. Daraufhin wurde der Wagen abgeschlossen und verplombt. Russische Posten mit aufgepflanztem Bajonett patroullierten zu beiden Seiten, bis der Zug sich in Bewegung setzte. —
 
Abfahrt von Königsberg Pr.:
Noch am Abend des gleichen Tages verließen wir den Ponarther Bahnhof. Der Hauptbahnhof ist zerstört. Die Fahrt ging über Braunsberg—Allenstein—Osterode bis hinauf nach Pasewalk (Pom.). Dort wurden wir erstmalig auf deutschem Boden vom Roten Kreuz verpflegt. Es war ein eigenartiges Gefühl, nach jahrelanger Trennung jetzt mit freien Menschen über die Verhältnisse im übrigen Reich offen sprechen zu können. Eine andere Welt tat sich vor unseren Augen auf. Die Kinder, Kranken und alten Leute wurden hier in rührender Weise von den Helferinnen des DRK betreut. Dann ging die Fahrt über Berlin— Potsdam bis zum Quarantänelager Suhl (Thüringen). In den zwei Wochen Quarantänezeit versuchte nun jeder, Verbindung mit seinen Angehörigen zu bekommen. Da ich trotz vieler Bemühungen noch immer kein Lebenszeichen von meinen Angehörigen erhalten konnte, ließ ich dem Schicksal freien Lauf und fand mit noch einigen Landsleuten in Langensalza (Thüringen) Unterkunft. Von hier aus setzte ich meine Bemühungen fort und erfuhr dann, daß meine Familie sich noch in Dänemark aufhielt. Im Laufe des Spätsommers 1948 konnte ich dann in Zwiefaltendorf Kr. Ehingen, mit meinen Angehörigen das langersehnte Wiedersehen feiern. —
 
Riedlingen, im März 1950, gez. Ernst Wegner, Spätheimkehrer. —
 
Diesem Bericht fügt E. Wegner eine „Ehrentafel der im Arbeitslager der Sowchose 26 Nemmersdorf verstorbenen Gumbinner Landsleute und der Toten aus der näheren Umgebung" an.
 
Sie enthält folgende Angaben:
1. Burneleit, Auguste, ledig, Bismarckstraße. — 2. Dambrowski, Gerda, 21 Jahre alt, Gumbinnen. — 3. Eske, August, Schneider, Poststraße. - 4. Eske, Auguste, Ehefrau, 62 Jahre, Poststraße. — 5. Hefft, Fritz, Wehrmachtsangestellter beim Wehrbezirkskommando, Königstraße. — 6. Käswurm, Eduard, Ofensetzer, Gumbinnen. — 7. Käswurm, Ehefrau des Ofensetzers aus Gumbinnen. — 8. Kabjoll, Otto, Kellner, zuletzt bei Kaufmann Köhler i. d. Königstraße. — 9. Kämmer, August, Schuhmachermeister, Bismarckstraße 70. — 10. Meiser, Fritz Lokheizer aus Thuren bei Gumbinnen. — 11. Meyer, Gutsbesitzer aus Nemmersdorf. — 12. Meyer, Ehefrau des Gutsbesitzers aus Nemmersdorf. — 13. Noak, Auguste, Witwe, Goldaper Straße. — 14. Räder, 2 Kinder des Kaufmanns Räder, Wilhelmstraße. — 15. Schwadrat, Fritz, früher Eisenbahnhilfsarbeiter. — 16. Schaar, Maria und ihr 2jähriges Kind Erwin. — 17. Schulz, Beamtenwitwe, 70 Jahre alt, Goldaper Straße. — 18. Schlemminger, Fritz, Bauer, Wandlaudszen bei Nemmersdorf. — 19. Thimoreit, Max, Schneidemühlenbesitzer, Tannsee (Kasenowsken) bei Gumbinnen. — 20. Thimoreit, Auguste, Ehefrau des vorgenannten. — 21. Birnbacher, Holzhändler, Gumbinnen (in Stannaitschen verstorben). — 22. Conrad, Viehhändler, Goldaper Straße (in Stannaitschen verstorben). — 23. Klee, Paul, Fleischermeister, Goldaper Straße (nach Rückkehr aus russischer Gefangenschaft im Herbst 1949 an Tbc in Berlin verstorben). — 24. Nehrkorn, Eduard, 70 Jahre, früher Inspektor bei Rothgänger - Nemmersdorf. — 25. Bengatt, Gertrud, geb. Dadies, 25 Jahre alt, aus Gumbinnen. — 26. Hofer, Emilie, Witwe, Nemmersdorf. — 27. Hofer, Irene, 21 Jahre. — 28. Hofer, Henriette, Salzburgerhospitalitin, Gumbinnen. — 29. Gertenschläger, Dorothea, geb. Hofer, Nemmersdorf. — 30. Pilligkeit, Ehefrau aus Kulligkehmen. — 31. Keiluweit, Helene, Ehefrau, ca. 40 Jahre, Gumbinnen. — 32. Kröck, Karl, 70 Jahre, früher bei der Standortverwaltung Gumbinnen gearbeitet. —33. Julitz, Johann, 70 Jahre, Zimmermann, Nemmersdorf. — 34. Julitz, Auguste, Ehefrau, 70 Jahre, Nemmersdorf. —
 
Diese hier aufgeführten Toten stammen aus Gumbinnen und der nächsten Umgebung. Weitere 200 in Nemmersdorf verstorbene Leidensgenossen waren aus den Kreisen Pillkallen (Schloßberg), Stallupönen (Ebenrode), Insterburg, Königsberg und Labiau. Der größte Teil dieser unschuldigen Menschen ist dem Hungertode zum Opfer gefallen. —
 
Eine Liste über die weiteren Toten der obengenannten Kreise befindet sich beim Suchdienst Berlin W 8, Kanonoerstraße 35. —
 
Dieser Liste läßt E. Wegner eine „Übersicht über die am Leben gebliebenen Landsleute, denen es vergönnt war, aus dem Sowjetparadies zurückzukehren" folgen:
1. Bleyhöfer, Fritz, Zimmermann, Goldaper Straße. —  2. Bubritzki, Gustav, Tischlermeister, Bismarckstraße. — 3. Bertram, Eisenbahner,? Gumbinnen. — 4. Bertram, Ehefrau des Vorgenannten, Gumbinnen. — 5. Burneleit, Gertrud, Milchgeschäft, Bismarckstraße. — 6. Burneleit, Witwe des Friseurmeisters in der Sodeiker Straße. — 7. Bogatzki, Ehefrau, aus Gumbinnen. — 8. Groneberg, Ehefrau des Buchdruckers Groneberg. — 9. Jankowski, Johannes, Bauer aus Kulligkehmen. — 10. Krause, Franz, Schmied, Norutschatschen mit Frau und Tochter. — 11. Stein, Hermann, Fleischermeister, mit Ehefrau, Bismarckstraße. — 12. Schaar, Christel, Gumbinnen-Annahof. — 13. Schmidt, Otto, Tischlermeister, Gumbinnen. — 14. Trottner, Hans, Schneider, mit Ehefrau, Goldaper Straße. — 15. Leinweber, Maria, Ehefrau, und 3 Kinder. — 16. Woweries, Otto, Kaufmann, Nemmersdorf. — 17. Wegner, Ernst, Gumbinnen, Meelbeckstraße 30. — 18. Zenthöfer, Helene, Fleischermeisterwitwe, Goldaper Straße. —19. Walat, Anna, mit ihrem Sohn Heinz, Gumbinnen-Annahof. — 20. Paulat, Anna, mit Tochter, Gumbinnen. — 21. Dadies, Witwe, mit den Töchtern Liesbeth und Martha, Gumbinnen. — 22. Jasper, Frieda, Ehefrau, und 3 Kinder, Preußendorf. — 23. Schumacher, Gertrud, Preußendorf. — 24. Rausch, Auguste, Ehefrau, Wandlaudszen. — 25. Thies, Edith, mit den Kindern Hans und Martin, Mixeln. — 26. Schmogerow, August, mit Ehefrau, Mixeln. — 27. Sobras, Frieda, mit ihrem Sohn Erwin, Mixeln. —


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