Einen kurzen Bericht über die Kolchose Nemmersdorf gibt auch der ehemalige Nemmersdorfer Gastwirt (Weißer Krug) Otto Woweries am 28. Februar 1951:
 
"Am 9. April 1945 bin ich in Königsberg nach einer schweren Verwundung gefangen genommen worden. Alsdann wurde ich bis Preußisch-Eylau abtransportiert, dort ausgeheilt und nach Rußland (Smolensk) gebracht. Wegen meiner Verwundung kam ich in die Arbeitsgruppe III und wurde mit 400 Mann wieder zurücktransportiert, ins Lager Preußisch-Eylau. Gegen Ende 1947 teilte man uns verschiedenen Kolchosen zu, und ich hatte das Glück, nach Nemmersdorf in die Militär-Sowchose gebracht zu werden. Der Major, der mich empfing, sagte gleich, als er meinen Namen hörte: „Du Kapitalist!", was anscheinend von der Kenntnisnahme meines Namens aus dem noch vorhandenen Firmenschild am Weißen Krug herrührte. Aber trotzdem bekam ich vom Bürgermeister, einem Polen, sehr gute Milchsuppe und Weißbrot zu essen. Mein Grundstück ist restlos bis auf die Grundmauern heruntergebrannt.
In der Kolchose gab man mir 2 Pferde, und ich habe dann sämtliche Arbeiten mitmachen müssen. Später kam ich ins Büro, wurde auch Brigadier und Kontrolleur und zuletzt sogar Posten (aber ohne Gewehr) bei den Dreschmaschinen, damit kein Getreide gestohlen wurde. Schweres Arbeiten und Hunger waren aber an der Tagesordnung. Wer nicht arbeitete, bekam nichts zu essen. Nachts gab ich den Arbeitern des öfteren heimlich etwas Getreide; denn teilweise war die Not außerordentlich groß, besonders bei den Familien, die mehrere Kinder hatten und diese miternähren mußten. Mit Wegner war ich in der ersten Zeit zusammen, Max Hartwich war auch Brigadier; er hatte einen Russenjungen geschlagen und kam dann von uns fort in ein Arbeitslager, ich glaube aber nur auf 5 Jahre. Dasselbe Schicksal hat viele von uns ereilt, darunter auch Frauen, die zu 7jähriger Zwangsarbeit abtransportiert wurden, meist wegen Lebensmitteldiebstahl. Allerdings gestohlen haben wir alle, weil wir sonst verhungert wären. Wer erwischt wurde, dem erging es dann schlecht.
Anfang 1948, als der Hunger doch zu groß wurde und der Verdienst zu klein war, sind viele, darunter auch ich, nach Gumbinnen in eine andere Kolchose weggelaufen. Wir fanden nun Arbeit, die sehr schwer war, aber bis zu 380 Rubel im Monat einbrachte. So fuhren wir nach Litauen und kauften uns dafür Lebensmittel. Es waren sehr schwere Jahre für mich, da ich solche Arbeit nicht gewöhnt war, und ich habe mich gewundert, daß ich das alles überstand. Die erste Zeit in der Gefangenschaft war allerdings die schwerste — wegen der vielen Vernehmungen, wobei es Prügel und Kolbenschläge gab.
Ich wohnte in Nemmersdorf im Kuhnschen Haus, sonst ist der Ort zum größten Teil zerstört. An Möbeln gab es fast gar nichts, da die Russen die meisten abtransportiert hatten. Fenster, Türen, Öfen, alles war fort. Vom Acker wurden nur die großen Flächen bestellt; alles andere ist von Dornen und Disteln überwuchert.
Im Oktober 1948 kam ich endlich von dort weg und 1949 nach Westdeutschland. Meine Familie war 3 1/2 Jahre in Dänemark gewesen."

 

 


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