Der Erste Weltkrieg (1914/18)


Die Schlacht bei Gumbinnen 1914


Die russische Njemen-Armee, die Anfang August 1914 östlich von Gumbinnen die deutsche Grenze überschritt, fand sofort lebhaften Widerstand bei den deutschen Truppen. Man war über die Stärke der russischen Armee allerdings nicht genau informiert und wollte zunächst die Njemen-Armee schlagen, um sich dann der Narew-Armee im Süden zuzuwenden. Doch sehr bald schon wurde der deutschen Heeresleitung klar, daß die 8. Armee zu schwach war, um den zahlenmäßig weit überlegenen Gegner vernichtend zu schlagen. Vorläufig hatte es noch keine größeren Kampfhandlungen gegeben, lediglich in kleinen Grenzgefechten stieß man mit dem Feind zusammen, der unaufhaltsam vordrang. Die 8. Armee versammelte sich zwischen Gumbinnen und Angerapp. Man nahm an, daß der Russe hauptsächlich nördlich und südlich der Rominter Heide vorgehen würde. Plötzlich aber stellte sich die Gefahr heraus, bei Pakallnischken umgangen zu werden. Das erforderte eine sofortige Umgruppierung der deutschen Truppen, und nun kam es zu der Schlacht, die nach der Stadt Gumbinnen ihren Namen erhalten hat.

Unsere Dreiunddreißiger Roon-Füsiliere gingen geschlossen in den Kampf auf Mallwen zu, das von den Russen besetzt war. Überraschend konnte das Regiment diesen Ort ohne große Verluste einnehmen. Doch nun griff die russische Artillerie ein, die vorzüglich eingeschossen war und das Dorf unter vernichtendes Feuer nahm. Dadurch wurden die Dreiunddreißiger in ihrer Bewegung völlig gehemmt. Doch bald hatte man den Sperrgürtel überwunden, und nun ging es wieder vorwärts auf Edern zu. Hier saß der Feind fest, namentlich mit Artillerie, die furchtbar in die deutschen Reihen schlug. Die zugeteilte Artillerie wollte vorerst das Gut schonen, doch mehrten sich die Verluste des Regiments dadurch erheblich. Erst eine Haubitzbatterie der 37er schoß das Gut in Brand und erledigte damit dieses Hindernis. Bei der Einnahme von Edern konnte auch das IR 44 aus Goldap schöne Erfolge für sich buchen.

In dem eroberten Mallwen war das Regiment aber noch lange nicht Herr der Lage. Überall in den Häusern, besonders aber in der Kirche, saßen vereinzelt Russen, die durch ihre Schüsse auf kurze Entfernung großen Schaden anrichteten. Es kostete einige Mühe, diese Feindnester auszuheben.

Während ein Teil des Regimentes zur Verfolgung in Richtung Osterfelde angesetzt wurde, traf den Kommandeur Oberst von Fumetti auf dem Gefechtsstand von rückwärts eine Kugel ins Herz. Der Schuß war, wie schon so viele andere, aus nächster Nähe gefallen. Auf der Suche nach dem Schützen fand man einen einzelnen russischen Soldaten zwischen Gräbern auf dem Friedhof, vorzüglich getarnt, so daß er der Entdeckung hinter den vorderen deutschen Linien bisher entgangen war. Der Regimentskommandeur war bei seinen Männern sehr beliebt, die Erbitterung daher groß. Unaufhaltsam ging der Vormarsch weiter in Richtung Kattenau, bis schließlich in den späten Nachmittagsstunden die Linie Wiesenbrück erreicht war. Nachts jedoch kam der Befehl zum Rückmarsch über Mallwischken—Grabenbrück in Richtung Tapiau. Herbe Enttäuschung!

Inzwischen waren Teile des XVII. AK. von Deutsch-Eylau her über Insterburg nach Angerapp gebracht worden. In Angerapp Ortsbiwak, Nachtmarsch bis Buylien. Bei diesem Marsch wurde ein solches Tempo angeschlagen, daß oft die Verbindung abriß. Bei Großwaltersdorf kam es zur Feindberührung. Doch verhältnismäßig schnell näherten sich die deutschen Truppen Grünweiden. Nach kurzer Rast im Grunde der Schwentischke, mit folgender Frontveränderung nach Osten zu, wurden die Höhen östlich Grünweiden im Sturm ohne Schuß genommen. Von jetzt ab zwang jedoch ein heftiges und genau gezieltes Feuer das Regiment oft zu Boden; die Verluste wurden größer, namentlich auf der Höhe von Schwiegseln. Nur Schritt für Schritt gewann die deutsche Infanterie an Boden, während durch die russische Artillerie unaufhörlich ihre Reihen gelichtet wurden. Erschöpft lagen die deutschen Soldaten in glühender Sonnenhitze in ihren Erdlöchern. Schließlich trat auch noch Munitionsmangel ein, doch entstand glücklicherweise zu dieser Zeit ein feuerarmer Raum um das Regiment, weil der Feind sich offenbar gleichfalls verschossen hatte und einige Nachschubtransporte von deutscher Artillerie vernichtet werden konnten. Langsam faßte man wieder Mut, doch als das Regiment die Höhen verlassen wollte, setzte erneut ein undurchdringlicher Geschoßhagel ein. Man suchte alle erreichbaren Reserven der Umgegend zusammen, um sie hier anzusetzen. Daher waren hier alle möglichen Infanterie-Regimenter vertreten, wie 21, 61, 128, 175, 176. Bei dem schnellen Vormarsch der Infanterie konnte sich die deutsche Artillerie nicht voll entfalten. Bevor sie auf ein Ziel das Feuer eröffnet hatte, war sie schon von den Russen zusammengeschossen. Ein Weiterkommen war ausgeschlossen, und traurigen schweren Herzens mußte das so schwer erkämpfte Gelände wieder aufgegeben werden.

Auf der ganzen Front setzte nun der Rückzug ein, denn der Plan der Obersten Heeresleitung, zuerst die Rennenkampf-Armee zu schlagen, war aufgegeben worden. Statt dessen zogen unsere Truppen in bewundernswerten Eilmärschen in den Süden der Provinz, um hier an der Schlacht von Tannenberg teilzunehmen. Ihre schweren Kämpfe bei Gumbinnen waren nicht umsonst gewesen. Geschickt hatten sie sich vom Gegner gelöst, so daß dieser in dem Glauben blieb, starke deutsche Kräfte lägen ihm auch weiterhin gegenüber. In Wirklichkeit leisteten den hinhaltenden Widerstand nur schwache Reserveeinheiten. Der Generalstabsbericht erkannte die Leistungen der Truppen an, indem er sagte, die moralische Wirkung des unermüdlichen deutschen Einsatzes sei nicht zu unterschätzen gewesen. So sind denn die großen deutschen Opfer nicht vergebens gebracht worden: 1250 Offiziere und Mannschaften ließen ihr Leben, 6419 wurden verwundet, 6943 vermißt, von denen allerdings ein Teil sich wieder zur Truppe zurückfand.

 
     
       
 

Quelle: "Gumbinnen" von Dr. Rudolf Grenz - Verfasser: Otto Gebauer - Fotos: Archiv Kreisgemeinschaft Gumbinnen