Inzwischen waren die Vorbereitungen für die Winterquartiere resp. das Interimistikum beendet. Es war die Zahl sämtlicher Bauern in den Ämtern festgestellt, und hiernach wurde die Verteilung der Familienzahl an die Amtleute bestimmt.

Schon im September mussten alle Amtleute in Gumbinnen erscheinen, um die Salzburger in hierzu mitgebrachten Wagen abzuholen. Nicht eine Minute durften sie später kommen als angegeben war, wenn sie nicht etwa die weiteren Zehrkosten für die Salzburger zahlen wollten. Für jede Familie wurde ein besonderer vierspänni­ger Wagen mit Augstleitern mitgebracht, zuweilen statt dessen zwei zweispännige. Aus Gaudischkehmen kamen bereits 26 zweispännige Schlitten an, um 13 Familien mit ihren Habseligkeiten abzuholen und sie in die Winterquartiere zu den Bauern zu bringen.

So war das Interimistikum durch das unablässige Bemühen der Räte und der Inspektoren glücklich eingeleitet, die Salzburger des litauischen Departements waren über alle Ämter der Deputation vorläufig verteilt; für die Not des schnell nahenden Winters war gesorgt, sie waren unter Dach und Fach in warme Stuben gekommen. Die Bauernwirte erhielten für jede Familie, die sie aufnahmen, ein Quartiergeld von 2 Talern. Jedes Salzburger Familienhaupt bekam 10 Taler, 12 Groschen, um für den Winter sich den nötigen Unterhalt beschaffen zu können.

Von den Winterquartieren aus erfolgte dann im nächsten Jahre die allmähliche Ansiedlung. Bereits im Februar 1733 wurde damit begonnen, den Salzburgern den Eid auf den König abzunehmen. In Gumbinnen wurde der Anfang gemacht. Doch einige verweigerten den Eid gleich von vorneherein; so ging es nur an wenigen Orten ohne Schwierigkeiten ab. Die den Salzburgern zugeteilten Äcker mussten im Frühling die Altbauern um­pflügen und im Beisein der künftigen Wirte „tüchtig säen und eggen". Sowie die Viehmärkte begannen (vom 20. April an), wurde das Besatzvieh für die neuen Höfeeinrichtungen gekauft. Für die in Stand gesetzten Salzburger Bauernhöfe war voller Besatz besorgt; die Kossätenhöfe erhielten 2 Pferde und 1 Kuh. Überall, wo keine Pflüge vorhanden waren, wurden ganz neue angefertigt. Ebenso wurde eine große Menge ganz neuer Wagen angeschafft. Inspektoren des Königs mussten die Durchführung der notwendigen Arbeiten laufend überwachen.

Nach dem ersten großen Plan des Generalwerkes, der auf 250.000 Taler berech­net war und von Trinitatis 1732 bis Ende September 1736 ging (bestätigt den 2. Mai 1734), waren in Gumbinnen selbst allein 80 Bürgerhäuser für die Salzburger herge­richtet, 16 ganz neue Bauernhöfe erbaut und zahlreiche Höfe der liederlichen oder entlaufenen Wirte, die man enteignet hatte, repariert.

Als der erste Etat nicht ausreichte, musste ein zweiter folgen. Die Bauarbeiten zogen sich noch über mehrere Jahre hin.

In der Stadt Gumbinnen kamen 237 Salzburger unter; das ist unter den Städten weitaus die größte Anzahl. Es folgten Darkehmen mit nur 168 Salzburgern, Memel mit 158 und Tilsit mit 141. In Gumbinnen erwarben 17 Salzburger Familien ein eige­nes Haus. In der Regel wurden in den Städten Handwerker angesiedelt; so ist für Gumbinnen von 7 Maurern die Rede. Schon vorher hatte die Stadt ein Bedürfnis auf 5 Tischler, 3 Fleischer, 4 Schmiede und 1 Buchbinderlehrling angemeldet.

Erstaunlich erscheint in den alten Berichten, namentlich in dem des Salzburger zeitgenössischen Historikers Göcking, der die Emigration und Ansiedlung beschreibt, die lebendige Kraft des Evangeliums unter den Emigranten. An ihrem Prediger Breuer hingen sie mit großer Liebe und schätzten besonders ihre Gebetbücher und Bibeln; „denn in Salzburg mußten sie die Bücher in einer hohlen Wand, oder unter den Schwellen oder Dielen bey Lebens-Gefahr verbergen. In Preußen aber durfften sie dieselben frey öffentlich hinstellen, um sie vor jedermann sehen zu lassen. Als Cyriacus Schiel, der in einem Dorffe ohnweit Gumbinnen angesetzt ist, dem Emigran­ten-Prediger Breuer die Einrichtung seines Hauses zeigete, zeigete er ihm auch zu­gleich seine große Folianten-Bibel, die er in Halle geschenckt bekommen. Er sagte dabey: Diese Bibel ist mir viel lieber, als wenn mir einer viel Kayser-Gulden gegeben. Das ist mein bester Schatz auf Erden. Breuer nahm dieselbe, weil sie etwas zurissen war, mit, und ließ sie beym Buchbinder ausbessern. Dafür küssete er ihm Rock und Hände, so lieb war ihm solches".

Das Bedürfnis, lesen zu können, war daher bei den Salzburgern ein besonders ausgeprägtes. Als der von Breuer ausgebildete Salzburger Lehrer Hochleitner in Gumbinnen seinen Unterricht aufnahm, hatte er eine große Zahl von Interessenten in der Klasse, bei denen es sich nicht nur um Kinder, sondern auch um Erwachsene und alte Leute handelte. Pfarrer Breuer musste für die letzteren Bänke besonderer Konstruktion anfertigen lassen. Die Salzburger Lehrer unterrichteten in den ersten Jahren ohne Gehalt. Auf vieles Klagen über diesen Zustand nahm sich 1735 der Koloniedirektor Herold der Schulen eifrigst an, und er erreichte, dass die 18 Salz­burger Lehrer, die inzwischen unterrichteten, ein Jahresgehalt von 15 Talern pro Kopf erhielten. Besondere Bedeutung für den Zusammenhalt der Salzburger Kolonie erlangte das Salzburger Hospital in Gumbinnen. Die Gegner einer Salzburger Kolonie richteten deshalb vorzüglich gegen dieses Institut ihre Angriffe, die Salzburger dagegen suchten sich vor allem dieses Palladium zu erhalten, ja, suchten womöglich für dasselbe noch größere Privilegien zu gewinnen. Während dieses mit List und großer Erregtheit von beiden Seiten geführten zehnjährigen Streites (1808—1818) war vier Jahre lang die­ses „Carroccio" der streitbaren Salzburger, das Hospital, gefallen, um sich dann wieder siegreich zu erheben.

Um diesen Streit vollständig verstehen zu können, muss man sich kurz die Entstehung dieses Hospitals vergegenwärtigen. Schon im Jahre der Einwanderung (1732) waren auf königlichen Befehl Vorschläge zur Gründung eines Hospitals durch den Minister v. Görne eingereicht worden. Der König billigte es, „daß zu Gumbinnen vor die Alten und zur Arbeit untauglichen Salzburger ein Hospital vor 100 Personen aus denen Collectengeldern erbaut werde; — desgleichen soll vor die Litauischen Armen ein dergleichen Hospital besonders erbaut und dazu eine jährliche Collecte im ganzen Litthauen angeordnet werden". Ein Monat später erging der Befehl an die Lithauische Deputation, Pläne und Kostenanschläge einzureichen. Doch wurde mit dem schleunigst in Angriff genommenen Werke bald wieder vorläufig eingehal­ten, die „bresshaften" Salzburger wurden durch besondere Verpflegungsgelder, oder in städtischen Hospitälern und Krankenhäusern unterstützt.

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