Übersicht – Quelle: Gumbinnen von Dr. Grenz


Seewiese

(Antszirgessern), mit den früheren Orsteilen Buschlauken und Discherlauken:

Kirchspiel und Standesamtsbezirk Herzogskirch (Niebudszen). Amtsbezirk Springen. — E.: 191. GH.: 850,— RM. G.: 567 ha. —
Einklassige Volksschule, vor 1914 erbaut. 1925: Lehrer a.D. Eduard Mignat. 1937: Lehrer Wilhelm Jopski. —
1937: Bürgermeister Bauer Friedrich Zoch. —
Post: Springen über Gumbinnen (8 km). —
Landwirte: Friedrich Ackermann, August Gutzat, Walter Gutzat, Otto Imber, Fritz Kurapkat, Wilhelm Kurapkat, Willi Kurapkat (Landwirtssohn), Ewald Matschutat, Emil Nolde, Franz Poweleit, Otto Puplat, Gustav Wiese, Richard Wirsching, Otto Witt, Friedrich Zoch. —
Handwerker: Schmied Heinrich Kugis, Schmied Ernst Pinkel, Steinsetzer Hermann Pliquet. —
Besitzer: Artur und Otto Kreuzahler.   —
Weitere Berufe: Kaufmann Fritz Gaßner. — Obermelker Franz Knoch. — Landw. Gehilfe Emil Neth. —
Deputanten: Fritz Augustat, Franz Bleihöfer, Otto Engelhardt, Willi Itzaber, Wilhelm Naujokat, Fritz Weikam. —
Arbeiter: Karl Bleihöfer, Max Herrndorf (Freiarbeiter), Karl Kuhn, Gustav Mertineit, Karl Petschat, August Podßuk, Emil Rohrmoser (Freiarbeiter), Karl Rusch, Heinrich Saebel (Landarbeiter), August Saint-Paul, Karl Steinleger, Thomas Szesniak (Landarbeiter). —
Sozialstatus: 2 Witwen, 1 Arztwitwe (Franziska Fischer), 1 Kriegerwitwe, 1 Arbeiterwitwe, 2 Rentner, 1 Rentenempfänger, 2 Altsitzerinnen, 1 Altsitzer. — Friedrich Litty, ohne Berufsangabe. —
1925: Gutsbesitzer Gustav Bensing (Gemeindevorsteher) und Konrad Richter, 1 Lehrer a. D., 6 Besitzer, 1 Agent, 1 Schmied, 1 Kaufmann, 1 Händler, 4 Kleinbesitzer, 2 Stützen, 1 Dienstmädchen, 1 Melker. —
Von Margarete Ackermann im Kreisarchiv ein handschriftlicher Bericht mit dem Titel „Unser geliebtes Seewiese“ vom 16.01.1966.
Darin heißt es: „Als wir unser Gut im Jahre 1926 in der Zwangsversteigerung kauften, war dieser Hof ein trostloser Anblick. Es gab kein lebendes oder totes Inventar. Der Pferdestall war im Ersten Weltkrieg 1914/18 abgebrannt und nicht wieder aufgebaut worden. An dem Wohnhaus waren noch die Einschüsse zu sehen. Im Haus war der Schwamm und die Dielen schwankten, wenn man darüberging. Das Gut war ca. 9 km von Gumbinnen entfernt. Der Boden war sehr gut, wenn auch verwahrlost. Mit sehr viel Liebe und Geduld hat mein Mann den Hof wieder aufgebaut, so daß wir dann eine schöne Viehherde, gute Pferde und einen großen Schweinebestand hatten — von bis zu 13 Mutterschweinen. Später kam noch 1 Trecker dazu. Unser lieber Kreistierarzt Dr. Marioth – Gumbinnen sah mit Freuden die Weiterentwicklung unseres Hofes und vor allen Dingen freute er sich über unsere schönen Fohlen, die ruhig jeden Besucher begrüßten und nicht kopfscheu waren. Seit dem Jahre 1930 hatte mein Mann eine Falbenzucht, wohl die einzige in Ostpreußen. Der Stammvater war ein weißer Araberhengst mit hellblauen Augen aus dem Zirkus Busch. „Puck“ hatte sich wohl einige Ungezogenheiten im Zirkus erlaubt und wurde daher verkauft. Die Stuten waren zum Teil Trakehner. Aus dieser Falbenzucht wurden von meinem Mann öfter Fohlen im Alter von 2 bis 3 Jahren an verschiedene Zirkus-Unternehmen verkauft, z. B. Busch, Krone, Althoff, Brumbach usw. Es war eine Freude, diese schönen Tiere auf der Koppel zu sehen, wenn sie sich jagten und spielten, und die langen hellen oder schwarzen Mähnen und Schweife im Winde flatterten. Später, nach der Dressur, sahen wir dann unsere schönen, edlen Pferde in der Manege wieder. Es war ein herrlicher Anblick, diese schönen Pferde mit den wohlgebauten Körpern in einer ganz anderen Umgebung wiederzusehen.
Mein Rosengarten hatte ca. 300 Rosenstöcke, die ich mit Liebe pflegte, und meine Geflügelzucht bestand aus nur weißen Enten, Gänsen, Hühnern, Perlhühnern, Schneeputen und Tauben. Wenn all diese Tiere ausschwärmten, sahen die Wiesen aus wie mit weißen Blumen bestreut, und die vielen weißen Tauben gegen den blauen Himmel gesehen, waren ein selten schöner Anblick. —
Wir hatten auch einen lieben eigensinnigen Rauhhaardackel mit Namen Lorbas, der uns später auf unsern beiden Fluchten 1944 und 1945 viele 100 km im Wagen begleitet hat. Er war ein echter, rechter Dackel, der uns oft zum Nachgeben und Lachen zwang. Wir hatten auch einen Wachhund Ajax, einen schönen Wolfshund und einen Hofhund Wolf. Als Wolf in eine Falle ging, wurde er von Ajax, der ihn auch nicht befreien konnte, mit Knochen versorgt, bis man ihn fand und von seiner Fessel erlöste. —
Oft kamen auch Gumbinner Lehrer mit ihren Schülern nach Seewiese, um die Tränke und auch den Ziegenbock zu sehen. An heißen Wandertagen labten sich alle gern an dem schönen klaren Wasser. Sogar Elche und Kraniche kamen zur Tränke, sehr zum Schrecken unseres Melkers, der auf den Hof gestürzt kam und nicht wieder herunter zum Vieh gehen wollte, solange das schrecklich große Tier mit den unheimlichen ,Hörnern‘ da unten war. Schöne Schlittenfahrten nach Trakehnen zu den edlen Pferden und zahmen Rehen waren für uns eine große Freude.
Meine 3 Söhne liebten alle die Tiere; gern ritten sie auf unsern schönen Falben. — Mein ältester Sohn Friedrich-Eberhard wurde 1944 mit 17 Jahren eingezogen. Das letzte Bild von ihm ist mit seinem Lieblingshengst ,Muck‘. Nach ca. 3 Monaten Ausbildung bei den Panzer-Grenadieren begruben wir ihn (den Sohn) in unserm Park. Mein zweiter Sohn Wolfgang-Herbert wurde auch mit 17 Jahren eingezogen; seit 1945 ist er verschollen. Mein Mann fuhr im Januar  1945 nach Königsberg/Pr. und kam nie wieder. Das letzte Fotoalbum meines 3. Sohnes habe ich im Handgepäck gehabt und so blieben die Bilder seiner Heimat für ihn und seine Familie erhalten. Wenn ich heute darin blättere, ist mir alles wie ein schönes, altes Märchen, das ich vor vielen, vielen Jahren erzählen hörte. Das Herz tut oft noch weh, aber ich trage das Leid mit vielen tausend Menschen, denen oft gar nichts mehr blieb. Mit unserem ehemaligen Kämmerer und Schmiedemeister stehe ich heute noch in Verbindung. Sie haben auch Schweres durchgemacht, fanden aber ihre Familien wieder. Meine Schwester und ich leben bei meinem 3. Sohn und seiner Familie. Ich habe 2 Enkel. Hoffentlich bewahrt Gott sie vor späterem Leid.“