Über die im vorangegangenen Dokumentationsbericht bereits erwähnten Vorgänge auf dem Schroedershof berichtet Frau Grimm, die Ehefrau des ermordeten Landwirts Johannes Grimm:
 
„Es war am 20.10.1944, ungefähr um 7 Uhr morgens, als sich mein Ehemann, Hauptmann a. D. und Landwirt Johannes Grimm, geboren am 14. Juni 1907, meine Tochter Sabine, mein Sohn Joachim und meine Schwiegermutter Maria Grimm, meine Mutter Maria Schroeders und zehn polnische Arbeiter, sechs polnische Frauen und deren Kinder von unserem Hof, dem Schroeders-Hof bei Nemmersdorf, mit den beladenen Flüchtlingswagen in Bewegung gesetzt hatten. In diesem Augenblick erschienen plötzlich aus der Richtung Berkeln und an der Mühle eine Menge russischer Soldaten, die wir im Nebel nicht gesehen hatten. Sie halten uns mit vorgehaltenen Gewehren an und zwingen uns, von den Wagen abzusteigen. Der erste Wagen, ein geschlossener Spazierwagen, kann, obwohl er beschossen wird, im Nebel noch entkommen. In diesem befinden sich Mutter, Schwiegermutter und die beiden Kinder. Die Russen beschimpfen uns. Sie wollen die Deutschen ausrotten, und nachdem sie den Männern die Uhren fortgenommen haben, umringen sie meinen Ehemann, nehmen ihn einige Schritte mit, und ehe ich den Vorgang bemerken kann, ist er durch einen Schuß in die Schläfe getötet worden. Einige Polen, welche aus Warschau stammen, wollen sie auch noch erschießen, lassen dann aber doch ab. Nun werden die Wagen und alle Gebäude durchsucht und, so weit es geht, alle Dinge vernichtet. Während dieser Zeit ziehen mir die Polen schlechte Sachen an, binden mir ein Tuch um und machen mich unkenntlich. Sie nennen mir einen polnischen Ort, geben mir einen polnischen Namen. Ich solle kein Wort Deutsch sprechen. Zum Glück beherrsche ich einen Teil der polnischen Sprache. Sie halten mich außerdem im Hintergrund. Ringsum werden wir von Russen bewacht, damit wir nicht fliehen können. Wir sind ins Leutehaus gegangen. Es dauert nicht lange, da kommen mehrere Russen zu uns und fragen, ob wir Deutsche sind. Doch die Polen verneinen diese Frage, obwohl die Russen ihnen mit dem Tode drohen, wenn sie Deutsche versteckt halten. Ein Russe beobachtet mich eine Weile, ohne etwas zu sprechen, wird jedoch abgelenkt, da die anderen russischen Soldaten weiter nach Nemmersdorf stürmen. In den nächsten zwei Tagen gehen die Russen hin und her, ohne sich um uns zu kümmern, da wir uns im Leutehaus hinter einer beschädigten Mauer befinden und die Russen hier keine Menschen vermuten. Nach zwei Tagen sehe ich einen deutschen Soldaten. Er will mir zu gegebener Zeit zur Flucht verhelfen. Am folgenden Tage erscheinen weitere deutsche Soldaten, gerade, als ich mit den Polen in unserem Park meinen Ehemann beerdigt hatte. Sie raten mir zur sofortigen Flucht, da der Russe in Nemmersdorf alle Menschen getötet habe und wohl auch bald wieder bis hierher kommen wird. Trotz großer Fliegertätigkeit sind wir in Abständen mit mehreren Wagen den Feldweg nach Kieselkehmen bis nach Sodehnen und später nach Danzig gekommen." —
  
In dem Bericht eines deutschen Landsers, der nach Nemmersdorf gekommen war, heißt es:
 
„Als dann — nach den Greueln in Nemmersdorf — noch eine überrumpelte Feldwache gefunden wurde, deren Männern man die Gurgel durchgeschnitten hatte, ist in keinem von uns das Gefühl des Abscheus und der Rache mehr zu unterdrücken. In diesen Stunden wäre wohl auch bedenkenlos jeder Feind mit erhobenen Händen niedergemacht worden. In jenen Tagen schreibe ich einen Brief nach Hause, daß es unverantwortlich sei, einem russischen Soldaten Gnade zu gewähren. Doch als wir am nächsten Tage zwei schwerverwundete russische Soldaten auf dem Felde finden, schlagen wir sie dennoch nicht tot. . . Die Kameraden, denen diese beiden Russen mit fieberglänzenden Augen entgegensehen, sind vielleicht nicht einmal gläubige Christen, aber sie überführen die Schwerverwundeten in das nächste Lazarett. Vielleicht sind es Russen, die an den Greueln von Nemmersdorf beteiligt gewesen sind. Aber sie sind hilflos und verwundet. An ihnen gilt es, eine menschliche und selbstverständliche Pflicht zu erfüllen." —
 
Einen wichtigen Augenzeugenbericht über die Vorgänge in Nemmersdorf liefert Frau Marianne Stumpenhorst aus Teichhof. Der Bericht befindet sich im Bundesarchiv in Koblenz und es heißt darin:
 
„Am 20. Oktober 1944 morgens 5 Uhr, begann unsere Flucht aus Teichhof, Kr. Gumbinnen (Gemeinde Tutteln). Die Straße Gumbinnen—Angerapp war von Militärfahrzeugen und Flüchtlingstrecks dermaßen verstopft, daß an ein Vorwärtskommen nicht zu denken war. Am Galgenberg, dicht vor der Nemmersdorfer Angerappbrücke, stockte der Verkehr vollkommen, und wir konnten mit dem Treck nicht mehr weiter. Viele ließen ihre Habe im Stich und machten sich zu Fuß auf den Weg in Richtung Nemmersdorf. Zu unserem Entsetzen tauchten an den Hängen der Angerapp an diesem nebligen Oktobermorgen die ersten Russen auf. Sie machten zunächst einen abwartenden Eindruck, pirschten sich dann aber näher, und ehe wir uns versahen, standen sie vor uns. Sie nahmen den Flüchtlingen im Vorbeigehen Uhren und Schmuck ab. Plötzlich tauchten russische Panzer auf mit den ersten deutschen Gefangenen. An ein Weiterfahren war nicht mehr zu denken; die Polen, die unsere Wagen gefahren hatten, waren sofort zu den Russen übergelaufen. Meine Mutter und ich waren zunächst unschlüssig, was wir nun beginnen sollten, aber am Nachmittag machten wir uns zu Fuß auf den Heimweg. Die Landschaft war trostlos einsam, und wir hatten gar nicht das Gefühl, durch die eigenen Felder zu gehen. An unserem Hof standen schon russische Kommissare, und ein sicheres Gefühl warnte uns, auf den Hof zu gehen. Gleich hinter unserem Garten an der Landstraße nach Tutteln standen viele Russen und durchbohrten mit ihren Waffen die Treckwagen. Als wir uns in unserer Angst etwas näher umzuschauen wagten, boten sich uns die ersten Schreckensbilder. Zu beiden Seiten der Brücke sah man an den Abhängen vergewaltigte Frauen, die ermordet waren oder blutüberströmt noch in den letzten Zuckungen lagen. Wir wurden wieder nach Schmuck und Wertsachen durchsucht, und es mußte sehr schnell gehen, sonst drohte man uns zu erhängen. Im nächsten Dorf, Tutteln, trafen wir 2 Frauen und einen alten Mann, die uns anboten, bei ihnen einstweilen zu bleiben. In Tutteln waren zunächst keine Russen, und so blieb uns noch Zeit, schnell alte Waffenbestände unserer Soldaten zu verstecken. Am nächsten Morgen erschienen die Russen mit vorgehaltenen Messern und Gewehren und fragten nach Waffen, Schnaps und Kindern, durchsuchten die Häuser, aber taten uns nichts. Gegen Abend setzten starke Kampfhandlungen ein, und die Russen holten uns in einen Bunker, der schon mit Russen vollkommen überfüllt war. Als es nach Stunden ruhiger wurde, holten mich zwei Russen in einen anderen Bunker, in dem sich nur russische Offiziere befanden. Ich wurde höflich behandelt, mußte aber viele Fragen beantworten, vor allem wer der Besitzer unseres Hofes war. Ich gab mich als fremde Flüchtlingsfrau aus, die die Gegend nicht näher kenne, bezweifle aber, daß sie es mir geglaubt haben. Sie ließen sich Bilder über die Deutsche Wehrmacht und unsere Lebensmittelkarten erklären, die sie gefunden hatten. Ihr größtes Interesse galt meiner Schulbildung, ob ich eine Universität besucht hätte und Fremdsprachen spreche. Ich hatte den Eindruck, daß sie mich nach Rußland als Dolmetscherin mitnehmen wollten. Nach diesem langen Verhör wurde ich wieder in unseren Bunker gebracht, in dem wir die weitere Nacht verbrachten. Gegen Morgen holte mich ein Russe heraus und trieb mich in ein beschädigtes Bauernhaus. Ich hatte furchtbare Angst, ahnte ich doch, was mir bevorstand. Ich redete ihm gut zu, und ich weiß nicht, woran es lag, daß ich auch hier von dem Entsetzlichen verschont blieb. Als ich mich im Morgengrauen zurücktastete, hatten wieder Kampfhandlungen eingesetzt. In unserem Bunker befanden sich nur noch meine Mutter und die anderen Deutschen, die Russen waren abgezogen. Die Einschläge wurden nun immer stärker, und wir rechneten jeden Moment damit, daß der Bunker über uns zusammenstürzen würde. Nach Stunden wurde es dann stiller, doch wir wagten uns nicht heraus. Plötzlich ertönte über uns eine deutsche Stimme: ,Heraus!', und ich werde dieses Gefühl nie vergessen, als wir deutsche Soldaten vor uns sahen. Wir fielen uns in die Arme und lachten und weinten vor Freude. Es war unseren Soldaten noch einmal gelungen, die Russen zu vertreiben, und sie brachten uns zunächst nach Gut Kieselkeim (Kieselkehmen), wo wir uns einige Tage aufhielten. Von da aus kamen wir in die umliegenden Dörfer und auch nach Nemmersdorf, wo sich inzwischen die furchtbaren Greueltaten zugetragen hatten. Man hatte alle Toten auf den Acker neben den Friedhof gelegt, und Mitglieder der Partei verlangten von mir, daß ich die Toten identifizieren sollte. Ich erwartete damals mein erstes Kind und lehnte es aus diesem Grunde energisch ab. Auch in Wiekmünde (Norgallen) war eine Mordtruppe durchgezogen, und in einem sehr zerstörten Bauernhaus lag der Besitzer mit durchschnittener Kehle im Bett. Die wenigen Bewohner des Dorfes, die nicht geflohen waren, waren ebenfalls ermordet. Wir hielten uns ungefähr eine Woche in der Umgebung von Nemmersdorf auf, auch auf unserem Teichhof durften wir noch 2 Tage zubringen. Die Kampfhandlungen nahmen wieder zu, und die Soldaten sorgten dafür, daß wir allmählich unseren Evakuierungskreis Osterode erreichten." —


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