Die Chronik der Neuapostolischen Gemeinde Gumbinnen
 
(Quelle: Zeitschrift "Unsere Familie" Nr. 99 Seiten 157/158)
 
Als Gründungsjahr der Neuapostolischen Gemeinde Gumbinnen gilt das Jahr 19071).

Die ersten Gottesdienste fanden sonntagnachmittags um 15.30 Uhr2) im Parterre der Dragonerstraße 6, später Moltkestraße, statt, danach etwa ab 1910 in einem gemieteten Raum in der Gartenstraße. Dort versammelten sich die ersten Gemeindemitglieder, u. a. die Familien Deinath, Pawasserat, Reitz, Röwer, zum sonntäglichen Gottesdienst. Ab 1913 fanden die Gottesdienste in der Bismarckstraße 37 statt.

Schon am ersten Kriegstag des 1. August 1914 war furchterregender Kanonendonner zu hören. Die Front kam näher, und am Mittwoch, 19. August 1914, hielt Gemeindevorsteher Paul Meyer den letzten Gottesdienst vor vielen aus den Grenzdörfern geflüchteten neuapostolischen Christen. Die Fensterscheiben klirrten vom Kanonendonner, die Kapelle bebte. Am nächsten Morgen, 20. August 1914, brandete die Schlacht3) von neuem los. Tausende von gefangenen russischen Soldaten zogen durch die Stadt, Maschinengewehre ratterten, krepierende Granaten donnerten, der Boden schien zu wanken. Verwundete wurden hereingebracht, unaufhörlich fuhren die Munitionswagen zum Schlachtfeld, zwischen ihnen Flüchtlinge. Am Freitagmorgen herrschte Totenstille. Das deutsche Militär war in Richtung Insterburg abgezogen, die Bezirksregierung und der Magistrat hatten die Stadt verlassen.

Nachdem der letzte Flüchtlingszug bereits abgefahren war, blieb nur gegen Mittag des 21. August 1914 die mühsame, aufregende und gefahrvolle Flucht der Gemeinde Gumbinnen mit einem Wagen und herrenlos aufgefundenen Pferden übrig. Rast auf dem Gut Judtschen, unter Mühen um elf Uhr Insterburg erreicht, führte der erste Weg zur Neuapostolischen Gemeinde in der Gartenstraße 20, jedoch auch hier war wegen der nahenden Front kein längeres Verbleiben möglich. Trotz des fehlenden Ausweises des Insterburger Magistrats, der Zugang zum letzten Flüchtlingszug gewährt hätte, kam Hilfe von einem Postbeamten, der die Gumbinner durch den Posthof auf den Bahnsteig und somit in den Zug einsteigen ließ.
In der Nacht zum Sonntag, 23. August 1914, war Königsberg erreicht, jedoch wegen der Bedrohung verlangten die Behörden, dass sich alle Flüchtlinge ins Innere des Deutschen Reichs begeben sollten.

Nur wenige wagten nach einem Monat, als sich eine Rückkehrmöglichkeit ergab, die Rückreise in die in einigen Teilen stark verwaiste Stadt. An der Kirchentür hing ein in russischer und deutscher Sprache verfasstes Plakat mit dem Text: „Hier wohnen friedliche Einwohner". Allmählich fanden sich immer mehr Geschwister ein, und am 30. September 1914 fanden die ersten Gottesdienste nach der Flucht statt. Noch einmal musste geflüchtet werden. Dieser Zustand endete erst am 1. Februar 1915 mit der endgültigen Befreiung.

Nachdem auch das bisherige Gemeindelokal in der Bismarckstraße zu klein geworden war, erwarb die Kirchenverwaltung ein etwa 10 bis 15 Minuten vom Bahnhof entfernt in der Kasernenstraße 7 gelegenes schönes Grundstück mit einem zuvor in Konkurs geratenen Fabrikationsbetrieb. Der Umbau der geräumigen Halle zu kirchlichen Zwecken begann 1930/31. Es entstand ein Kirchenraum mit Empore, einer Sakristei, einem Konfirmandensaal und einer Wohnung, alles voll unterkellert, umgeben von einem großen Garten mit vielen Blumen und Sträuchern, ausgestattet mit einer Wasserpumpenanlage, eingeweiht Weihnachten 1932.

Die Mitgliederzahl der Gemeinde Gumbinnen betrug zuletzt etwa 400 Seelen. Das Gemeindeleben kam durch Flucht und Vertreibung ab Oktober 1944 ganz zum Erliegen, die Gumbinner Gemeindemitglieder, soweit sie das Kriegsende unbeschadet überstanden haben, wurden in alle Winde zerstreut.

Ein 1944 in Gumbinnen als Soldat eingezogener Deutscher traf nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft am 1. Juli 1945 auf dem zerstörten Bahnhof in Gumbinnen ein, fand zunächst Unterkunft in Pruszischken (Preußendorf) und zog 1946 auf Befehl der russischen Besatzungsmacht nach Gumbinnen. Dort wohnte er fast drei Jahre lang mit etwa 20 Landsleuten in dem durch Kriegseinwirkung sehr verfallenen Haus Meelbeckstraße 12, und zwar in der früheren Wohnung eines Gumbinner Gemeindemitglieds, des Schuhmachermeisters Adolph Zielasko4). Vermutlich handelte es sich bei dem 1893 geborenen und zuletzt in der Parkstraße wohnhaften „B. L." um den Büroarbeiter Bruno Liedtke aus der Parkstraße 95).

Nachdem seit 1990/91 wieder Gottesdienste im heutigen Gusev (vormals Gumbinnen), Oblast Kaliningrad (vormals Königsberg), stattfinden, besteht dort erneut eine Neuapostolische Gemeinde, die sich sonntags um 10 Uhr im Kulturhaus zum Gottesdienst versammelt.

Hinweis: Die vorstehende Chronik gibt es auch in erweiterter Fassung u. a. mit folgendem Inhalt: „Anfang, Schrecken des ersten Weltkriegs, Zeit nach dem ersten Weltkrieg, Neues Kirchenlokal, Festgottesdienste, heutige Gemeinde Gusev". Sie enthält eine kurze Darstellung der Geschichte Gumbinnens und der Provinz Ostpreußen, Fotos aus dem damaligen und aus dem heutigen Gemeindeleben. Wer Interesse an der erweiterten Chronik hat, mag bitte durch Übersenden von Briefmarken in Höhe von 9,00 DM Porto- und Versandkosten eine Bestellung aufgeben. Bestellanschrift bzw. Auskünfte bei Wolfgang Fritz, Am Simberg 16, 35576 Wetzlar, Tel./Fax0 64 41/3 38 52.

1) Zeitschrift „Unsere Familie" 1935, Seite 282 (Nr. 7).
2) Adress-Buch der Neuapostolischen Gemeinden und deren Vorsteher und Kirchenlokale von 1908, Seite 25.
3) Bekannt unter dem Namen „Schlacht von Gumbinnen", die erste große Schlacht des ersten Weltkriegs.
4) Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Mitteleuropa. 1954, zitiert aus: Reinoß (Herausgeber), Letzte Tage in Ostpreußen, 2. Aufl. 1985, Seite 256 f.: „Erlebnisbericht des B. L. aus Gumbinnen i. Ostpr.".
5) Einwohnerbuch der Stadt Gumbinnen, 1937, Nachdruck 1995, Abschnitt 13. Seile 87. 99/158